Die Arbeitsmarktreform in Spanien: erste Einschätzungen ihrer Wirkungen auf die Beschäftigung
Die Arbeitsmarktreform in Spanien: erste Einschätzungen ihrer Wirkungen auf die Beschäftigung
Im Jahre 1994 hat sich die spanische Wirtschaft weiter erholt. Ab der zweiten Hälfte des letzten Jahres zeichneten sich erste Erfolge ab, und derzeit ist an den wichtigsten Wirtschaftsindikatoren abzulesen, daß die Rezession vorbei ist und die Expansionsphase fortschreitet, die anfänglich auf der Nachfrage des Exportsektors basierte, sich dann aber auch durch die positive Entwicklung im Industriesektor, der Bauindustrie und den Dienstleistungsbereichen stabilisierte. In diesem Sinne sind die ständigen Steigerungswerte, die bei den wichtigsten Wirtschaftsindikatoren zu verzeichnen sind, bedeutsam.
Eine weitere Tatsache hat die positive Entwicklung des Arbeitsmarktes unterstützt: die Arbeitsmarktreform, die die Regierung in diesem Jahr unternahm. Mit dieser tiefen, umfassenden Reform wurden wichtige Änderungen im institutionellen Rahmen vorgenommen. Zur Erinnerung: Grundsätzliches Ziel dieser Reform war die maximale Schaffung und Verteilung von Arbeitsplätzen durch die Flexibilisierung der Arbeitsbeziehungen, die wiederum die Anpassung der Unternehmen an die wirtschaftliche Konjunktur bei gleichzeitiger Erhaltung des Beschäftigungsvolumens erleichtern sollte.
Aussagen über die generellen Auswirkungen der Arbeitsmarktreform etwa in Bereichen, die den Umbau der Arbeitsbeziehungen mit sich bringen oder notwendige normative Entwicklungen erfordern, bei denen die sozialen Akteure eine führende Rolle einnehmen, sind verfrüht. Aber die meisten Experten und Kenner des Arbeitsmarktes einschließlich der Arbeitsmarktverwaltung glauben, daß aus den verfügbaren Indikatoren bereits heute eine positive Entwicklung abzulesen ist.
Aus den Daten über die Beschäftigungsentwicklung im Jahre 1994 und den ersten Monaten des Jahres 1995 ist ersichtlich, daß der in den Jahren zuvor registrierte Arbeitsplatzabbau gestoppt wurde. Dies bestätigt die positive Wirkung der Arbeitsmarktreform und der spanischen Wirtschaftsentwicklung.
Aus allen statistischen Quellen über die Arbeitsmarktentwicklung wird dieser Trendwechsel deutlich; er ist abzulesen aus den Daten über Stellenbewegungen, die das INEM registriert. Die Entwicklung der Mitgliederzahlen in der Sozialversicherung zeigt dies ebenso wie die Schätzungen aus der Arbeitskräfteerhebung und die Informationen über Steuer und Abgaben des Finanzministeriums.
Die Daten des INEM zum Arbeitsmarkt, speziell zu den Stellenbewegungen, die dort monatlich registriert werden, besagen, daß 1994 insgesamt fast 6 Mio. (5.939.207) Einstellungen vorgenommen wurden - 22 % mehr als im Jahr zuvor; dies stellt einen historischen Rekord für INEM dar. Diese Tendenz hat sich nicht nur fortgesetzt, sondern sogar gesteigert, da in den ersten fünf Monaten dieses Jahres die Einstellungen um 40 % höher liegen als im gleichen Zeitraum 1994.
Von den registrierten Einstellungen sind jene besonders erwähnenswert, die aufgrund der durch die Reform eingeführten Einstellungsregelungen vorgenommen wurden. Von den Vertragsabschlüssen für fast 1.250.000 Personen im Jahre 1994 entfallen 208.975 auf Lehrverträge, 50.962 auf Praktikanten- und 935.428 auf Teilzeitverträge. In den ersten fünf Monaten des Jahres 1995 haben diese Vertragsarten weiter zugenommen: 76.469 Lehr-, 29.727 Praktikanten- und 441.085 Teilzeitverträge wurden abgeschlossen. Unternehmen machen demnach von diesen Vertragsarten einen hohen Gebrauch.
Die Statistik über die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten bestätigt die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Während des Jahres 1994 ist die Zahl der angemeldeten Mitglieder in der Sozialversicherung um 200.600 gegenüber dem Vorjahr gestiegen. 1995 setzt sich dieser Trend fort; im Mai dieses Jahres sind 337.800 Versicherte mehr angemeldet als im Vergleichsmonat des Vorjahres.
Der steigenden Zahl der Stellenbesetzungen steht eine sinkende Zahl registrierter Arbeitsloser gegenüber. Von Januar 1994 bis Mai 1995 - letztes verfügbares Datum - ist die Zahl der Arbeitslosen um 309.804 Personen gesunken (11,2 %). Die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist bis auf die Monate Februar, September, Oktober und November 1994 sowie Januar 1995 stets gesunken. In den genannten Monaten steigt die Zahl der Arbeitslosen traditionsgemäß an, weil sich Studienabgänger in den Arbeitsmarkt integrieren oder die Sommer- bzw. Weihnachtsferien zu Ende gehen.
Der Erfolg der Ausbildungs- und Teilzeitverträge zeigt sich auch an der Reduzierung der Zahl der jugendlichen Arbeitslosen seit Januar 1994 um 20 % (173.803).
Durch verantwortungsbewußtes Vorgehen bei den Kollektivverhandlungen haben die Sozialpartner, die eine entscheidende Rolle bei der Beschäftigungszunahme spielen, zur moderaten Entwicklung der Arbeitskosten im Jahr 1994 beigetragen. Dies zeigt die jüngste Entwicklung der Löhne und der Konsumentenpreise (IPC) an. 1992 stiegen der IPC um 5,9 % und die Löhne um 7,3 %; 1993 lag die Lohnsteigerung auch höher als der Kosumentenpreisindex. Die Löhne stiegen um 5,5 %, während der IPC um 4,6 % anstieg. 1994 dagegen hat sich das Verhältnis umgekehrt: Der IPC stieg um 4,3 %, die Löhne aber nur um 3,5 %.
Folglich kann man in einer ersten Einschätzung der Arbeitsmartkreform bestätigen, daß sie beschäftigungsfördernd wirkt; dies trifft besonders auf Gruppen mit größeren Schwierigkeiten bei der Stellenfindung (Jugendliche und Langzeitarbeitslose) zu. Auch hat das INEM als Stellenvermittler an Bedeutung gewonnen, konnte es doch seinen Marktanteil von 7 % auf 12 % aller Vermittlungen steigern.
Die Leiharbeitsfirmen (ETT) - auch eine Neuheit, die durch die Arbeitsmarktreform eingeführt wurde, um die Arbeitsbeziehungen zu flexibilisieren (iMi 50) -, ist ein weiteres wichtiges Instrument der externen Flexibilität des Arbeitsmarktes. Die zur Verfügung stehenden Daten über ihre Wirkung erlauben eine optimistische Einschätzung.
So ist zwischen Juli 1994 und März 1995 die Zahl der Verträge Monat für Monat auf insgesamt 103.160 angestiegen. Die meisten Leiharbeitsverträge entstanden aufgrund von unvorhergesehenen Markterfordernissen, Mehrarbeit und Auftragsüberschuß; diese begründen 53 % der Gesamtverträge. 37,7 % der Verträge wurden für zeitlich begrenzte Arbeiten abgeschlossen. Die restlichen 8,9 % verteilen sich auf Zeitbeschäftigung als Ersatz für Beschäftigte mit Recht auf Wiedereinstellung und die zeitweise Besetzung von Arbeitsplätzen während Auswahl- und Beförderungsverfahren.
Zur Zeit gibt es 208 autorisierte Leiharbeitsfirmen, von denen 51 in mehreren Provinzen oder Autonomen Regionen tätig sind. 70 beschränken ihr Aktionsfeld auf die Autonome Region, in der sie ihre Lizenz erhalten haben, und der Rest ist in nur einer Provinz tätig.
In den Kollektivverhandlungen zwischen Unternehmern und Arbeitern ist der allgemeine juristische Rahmen den konkreten Notwendigkeiten angepaßt worden; so wurde der erste staatliche Kollektivvertrag für Leiharbeitsfirmen unterzeichnet. Dies zeigt, daß die Rechte der Beschäftigten gesichert werden können, ohne daß die Beschäftigung darunter leidet. Es ist überdeutlich, daß das erwachte Interesse in allen Branchen an Leiharbeit zur generellen Belebung des Arbeitsmarktes, zum Erfolg der Unternehmen und zur Zunahme der Beschäftigung beitragen wird.
Trotz der kurzen Zeit, seit der die Regelung existiert, ergibt sich bereits heute ein positives Bild, und es scheint, daß Leiharbeit zum Erfolg der Unternehmen beiträgt: Sie bildet ein Fundament, das die Erweiterung der Flexibilität des Arbeitsmarktes ermöglicht. Ihre zukünftige Entwicklung wird jedoch nicht zuletzt von den Entwicklungen der Kollektivverhandlungen abhängen.
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