Einführung  |  Basisinformationsberichte InfoMISEP Reports 

NATIONALE ARBEITSMARKTPOLITIKEN

InforMISEP Maßnahmen

Finnland: Durch aktive Arbeitsmarktpolitik von der Jahrhundertkrise zu langsamer Erholung
Zum vorangegangenen Thema Dokument index Zur ERSEP Home page

Finnland: Durch aktive Arbeitsmarktpolitik von der Jahrhundertkrise zu langsamer Erholung
Von Pentti Vuorinen*


In den frühen neunziger Jahren erzielte Finnland einen wenig beneidenswerten Weltrekord, als die Arbeitslosenquote von einem Durchschnitt von 3,4 % im Jahre 1990 auf einen Spitzenwert von 20,0 % in der ersten Hälfte des Jahres 1994 anstieg. Während der achtziger Jahre hatten die durchschnittlichen Arbeitslosigkeitsquoten um 5 % geschwankt; vorher war der höchste Jahresdurchschnitt der Nachkriegszeit 1978 mit 7,4 % zu verzeichnen gewesen. Massenarbeitslosigkeit mit fast einer halben Million Arbeitsloser ist aber eine neue Erscheinung in Finnland und stellt für das Beschäftigungs- und Arbeitsmarktsystem des Landes eine schwere Prüfung dar. Das gesamte Konzept eines auf Vollbeschäftigung basierenden Wohlfahrtsstaates steht auf dem Spiel. Traditionelle Maßnahmen erscheinen unzulänglich, um die Krise zu überwinden, und neue, innovative Ansätze sind gefragt.

Der Hauptgrund für den rasanten Anstieg der Arbeitslosigkeit war

der st,ndige Rückgang der Wirtschaftsleistung Finnlands, der praktisch ohne Unterbrechung vier Jahre anhielt. Dies wiederum ist haupts,chlich auf den Zusammenbruch der finnischen Exportmärkte zurückzuführen. Die Fundamente, auf denen der Handel mit der Sowjetunion beruht hatte - in den achtziger Jahren machte dieser 15 bis 20 % der Exporte aus -, verschwanden mit der dortigen politischen Umw,lzung praktisch über Nacht. Gleichzeitig k,mpften Finnlands wichtigste westliche M,rkte mit der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit. Beide Entwicklungen blockierten die Exporte insgesamt und hinderten das Land daran, den Verlust der M,rkte im Osten durch neue Absatzchancen im Westen zu kompensieren.

Durch Konkurrenzfähigkeitsprobleme wurden die Exporte weiter gedrückt. Zwischen 1987 und 1990 sank die internationale Wettbewerbsfähigkeit der finnischen Industrie um deutlich mehr als 10 %, eine Folge des raschen Kostenanstiegs und der immer stärker werdenden Finnmark. Außerdem wurde der bei weitem wichtigste Wirtschaftszweig - die Holz- und Papierindustrie - gleichzeitig von weltweiter Überproduktion und einer Kostenkrise betroffen.

All dies wurde von Problemen der Binnenwirtschaft begleitet. Die schnelle Deregulierung der Kapitaleinfuhren und Finanzmärkte ab Mitte der achtziger Jahre, d. h. zu Beginn des Konjunkturaufschwunges, überhitzte zuerst den Geldmarkt und dann die übrige Wirtschaft. Sowohl Firmen als auch private Haushalte nahmen Schulden in Rekordhöhe auf, und die freie Verfügbarkeit von Geldmitteln brachte es mit sich, daß häufig wenig durchdachte Investitionsentscheidungen getroffen wurden.

Fallende Exporterlöse in Verbindung mit Überschuldung und dem plötzlichen Kollaps der aufgeblähten Kapitalanlagenpreise infolge der Entspannung des Geldmarktes in den späten achtziger Jahren führten dann zu einer schweren Krise der Finanzmärkte, insbesondere im Bankwesen. In der Folge sank die Inlandsnachfrage abrupt, was weitreichende Entlassungen im arbeitsintensiven einheimischen Produktionssektor nach sich zog.

Die niedrigen Exportziffern führten in Verbindung mit dem Importdruck, der aus der bis in die frühen neunziger Jahre beharrlich starken einheimischen Nachfrage resultierte, zu einem hohen Außenhandelsdefizit. Bereits 1989 überstieg die Netto-Auslandsverschuldung im Verhältnis zum BIP das Krisenniveau von 20 %, und 1993 lag sie weit über 50 %. Dies legte eine auf Drosselung setzende Währungspolitik nahe, die den Konsum- und Investitionsrückgang weiter beschleunigte. Zwischen 1991 und 1994 fiel die Inlandsnachfrage um ein Fünftel.

8.1.1. Von der zyklischen zur strukturellen Krise

Obwohl die Hauptgründe für hohe Arbeitslosigkeit eindeutig zyklischer Natur waren, nahm mit der Verschlechterung der Lage die Bedeutung struktureller Merkmale zu. Dies ist auf das schnelle Wachstum der Langzeitarbeitslosigkeit in den letzten Jahren zurückzuführen sowie auf die Tatsache, daß die Rezession bedeutende Strukturveränderungen der Wirtschaft bewirkt hat. Sowohl die Branchen als auch die Unternehmensstrukturen haben sich tiefgreifend verändert, und die halbe Million vernichteter Arbeitsplätze werden nicht durch ähnliche ersetzt wird. Ein Beispiel solcher strukturellen Veränderungen sind die Qualifikationsanforderungen: Das auf fachlichem Können beruhende Hochtechnologiesegment der Wirtschaft wurde kaum in Mitleidenschaft gezogen, während ein erheblicher Teil der Arbeitsplätze in den arbeitsintensiven und weniger hohe Qualifikationsanforderungen stellenden Industrien und Dienstleistungsbranchen, die für den Binnenmarkt produzieren, verschwand.

Mit der Funktionsweise des Arbeitsmarktes zusammenhängende Probleme sind ebenfalls unübersehbar. Meist sind sie jedoch eher eine Wirkung als eine Ursache der Rezession. Mehr als 72 % der Lohn- und Gehaltserhöhungen sind dieses Jahr auf diverse Steuer- und Abgabenerhöhungen zurückzuführen. In den letzten Jahren kam es zu einer beträchtlichen Erhöhung der von den Arbeitgebern abgeführten lohngebundenen Sozialversicherungsbeiträge. Höhere Steuern und Versicherungsbeiträge haben die Schwelle für die Schaffung von Arbeitsplätzen insbesondere in arbeitsintensiven kleinen und mittelgroßen Unternehmen mit weniger qualifizierten Belegschaften angehoben.

Daher stehen sowohl die Beschäftigung als auch das Sozialversicherungssystem unter Druck, obwohl dies nicht als Hauptgrund für die steigende Arbeitslosigkeit in Finnland angesehen werden kann. Dennoch behindern die mit diesen Fragen zusammenhängenden Probleme zweifellos den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit.

Im Juni 1994 ernannte der Präsident der Republik eine Arbeitsgruppe zur Ermittlung der einer dauerhaften Senkung der Arbeitslosigkeit entgengenstehenden Hindernisse. Die Gruppe stellte Analysen und Sachverständigenvorschläge zur Schaffung von Arbeitsplätzen zusammen und gab Empfehlungen für Maßnahmen und Programme zur Senkung der Arbeitslosigkeit. Diverse von der Arbeitsgruppe empfohlene Maßnahmen zur funktionellen Verbesserung des Arbeitsmarktes und seiner institutionellen Struktur wurden eingeführt und weiterentwickelt, und dies insbesondere durch die neue Regierung, die im April 1995 ihr Amt antrat. Die Maßnahmen sollen die Arbeitsmarktdynamik unterstützen, z. B. durch die in dem neuerlichen Konjunkturaufschwung erforderliche Flexibilisierung.

Im folgenden wird die Entwicklung der Beschäftigung in Finnland zunächst unter dem Gesichtspunkt der breiteren Wirtschaftsentwicklung und der Aussichten für die nahe Zukunft betrachtet. Der zweite Teil untersucht die Zusammensetzung der Beschäftigung und die Entwicklung der Arbeitslosigkeit im einzelnen. Der dritte Teil des Artikels beschreibt die Hauptmerkmale der finnischen Arbeitsmarktpolitik.

8.1.1.1. Abb. 1

8.1.1.2. Abb. 2

8.1.2. Die Entwicklung der Wirtschaft

Im internationalen Vergleich verlief das langfristige Wirtschaftswachstum in Finnland rasch und wurde nur durch die Rezession der dreißiger Jahre und den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Während der Nachkriegszeit wuchs das BIP mit einer Rate von etwa 5 % pro Jahr. Finnland überlebte die Ölkrise Mitte der siebziger Jahre besser als die meisten

anderen Industriel,nder, ein schneller Konjunkturaufschwung begann 1978, und ein stetiges Wachstum von durchschnittlich fast 4 % pro Jahr setzte sich w,hrend der achtziger Jahre fort. Das Besch,ftigungsniveau blieb hoch, und Finnland trat in die Reihe der führenden Wohlfahrtsstaaten.

Diese Entwicklung beruhte weitgehend auf der raschen Expansion der Holz- und Papierindustrie und verwandter Branchen. Reflektiert wurde sie in einer Investitionsrate, die in den achtziger Jahren mit über 25 % des BIP eine der höchsten der Industrieländer blieb. Jedoch waren diese massiven Investitionen durchschnittlich weniger wirksam als in anderen Industrieländern. Wettbewerbsgeschützte Sektoren - insbesondere die Landwirtschaft, einige der nachgeschalteten Lebensmittelindustrien und der tertiäre Sektor, ja sogar einige Exportbranchen, die sich auf den Handel mit der Sowjetunion konzentrierten - konnten große Investitionen tätigen, da die Kosten auf die Preise abgewälzt werden konnten. Wenig ertragreiche Investitionen waren ebenfalls möglich, da die Regulierung der Finanzmärkte die Zinssätze künstlich auf niedrigem Niveau hielt.

Die sektorielle Zusammensetzung der Wirtschaft blieb einseitig, überwiegend durch Holz und Papier sowie die zugehörigen Metallindustrien beherrscht. Strukturelle Entwicklungen von Wirtschaft und Beschäftigung waren im Vergleich zu älteren Industrieländern verzögert. Die Beschäftigung in den Fertigungsindustrien begann in den OECD-Länder in den siebziger Jahren zu sinken, eine Entwicklung, die in vielen westeuropäischen Ländern zu ernsten Schwierigkeiten inbesondere in Industrien wie Stahl, Schiffbau, Textilien und Bekleidung führte. In Finnland hingegen gelang es solchen Industrien, diese Zeit ohne Krise zu überstehen. Dies war weitgehend auf das stetige Wachstum der Exporte in die Sowjetunion und auf eine modernen Standards entsprechende Produktionstechnik der Unternehmen zurückzuführen. Bis in die frühen achtziger Jahre stieg die Beschäftigung in den finnischen Fertigungsindustrien.

Während der weiteren achtziger Jahre konzentrierte sich das Beschäftigungswachstum hingegen auf den öffentlichen Dienst, auf den ungefähr zwei Drittel der gesamten Zunahme an Arbeitsplätzen entfielen.

Diese Wachstumsperiode ging in den frühen neunziger Jahren mit der Rezession zuende, die Finnland härter als jedes andere Industrieland traf. 1990-1993 fiel die wirtschaftliche Gesamtleistung gegenüber dem Niveau von 1989 um etwa 13 %; die Arbeitslosigkeit erreichte mit einer Rate von etwa 20 % zu Beginn des Jahres 1994 ihren Höchststand. Die Gesamtproduktion ist erst seit Anfang 1994 wieder im Anstieg, nachdem sie zuvor vier Jahre lang ununterbrochen zurückgegangen war. Für 1995 wird eine Leistungssteigerung von etwa 5 % erwartet, und Prognosen für 1996 schwanken zwischen 4 und 5 %. Somit ist die Rezession eindeutig vorbei.

Diese merkliche Verbesserung ist das Ergebnis eines starken Exportanstiegs, der - gemeinsam mit einem begleitenden Anstieg der Industrieproduktion - jetzt seit vier Jahren anhält. 1994 erreichten die Exporte als Anteil des BIPs die Rekordmarke von 35 %. Diese Wende spiegelte sich in einer positiven Zahlungsbilanz wider. Die Erholung des Inlandssektors begann langsamer, aber Ende 1994 stärkten der steigende Privatkonsum und die höheren Investitionsausgaben das Wirtschaftswachstum weiter.

Auch hinsichtlich der Inflation sind die wirtschaftlichen Aussichten gut. Inflationäre Erwartungen sind gedämpft geblieben, und die Preise steigen sehr maßvoll. Die Reallöhne und die Einkommen aus unselbständiger Arbeit werden dieses Jahr voraussichtlich um 3 bis 4 % steigen, was bedeutet, daß die Kaufkraft der Haushalte nach drei Jahren zum erstenmal wieder wächst.

Das schlimmste makroökonomische Problem - abgesehen von der Arbeitslosigkeit - ist der hohe Stand der Staatsschuld. Infolge der Rezession häufte Finnland eine Staatsschuld an, deren Niveau eines der höchsten in Europa ist. Das Anwachsen der Staatsschuld wurde durch die Übernahme von Verbindlichkeiten des privaten Banksektors seitens der Regierung und durch die vermehrten Kosten der Arbeitslosigkeit verschlimmert. Die Brutto-Staatsschuld im Verhältnis zum BIP, die vor der Rezession etwa 10 % betrug, erreichte 1994 ungefähr 63 %. Die Zahl wird voraussichtlich weiter steigen und 1997 mit 70 % des BIPs ihren Höchststand erreichen. Jedoch haben insgesamt positive wirtschaftliche Erwartungen und das Vertrauen in die Fähigkeit und den Willen der Regierung, die öffentlichen Ausgaben zu beschneiden, zu abnehmenden Langzeit-Zinssätzen geführt, was das Wachstumsklima verbessert hat, vor allem für Firmen, die für den Binnenmarkt produzieren.

Infolge des schnellen Wirtschaftswachstums hat auch die Arbeitslosigkeit zu sinken begonnen. Jedoch ist die Wiederherstellung eines hohen Beschäftigungsniveaus keine leichte Aufgabe. Die Regierung hat ihre Absicht bekräftigt, die Arbeitslosigkeit bis zum Jahr 2000 auf die Hälfte zu reduzieren. Um dieses Ziel zu realisieren, reichen makroökonomische und arbeitsmarktpolitische Maßnahmen nicht aus. Die gesamten Fundamente der Wirtschaft des Landes müssen umgebaut werden, da die Wirtschaftsumwelt sich seit den späten achtziger Jahren und der vorherigen Periode hohen Wachstums und hoher Beschäftigung radikal verändert hat.

8.1.2.1. Tabelle 1: Wichtige Indikatoren der finnischen Wirtschaft 1979-1994 und Prognosen des Finanzministeriums für 1995 (in % Veränderung/Jahr)

1993 1979- 89 1990 1991 1992 1993 1994 1995*
Mrd. FIM
BIP zu
Marktpreisen 480 4,0 -0,0 -7,1 -3,6 -1,6 -3,9 -5,7
Importe 133 6,1 -0,6 -11,7 -1,1 -0,7 -11,8 -10,7
Exporte 159 3,4 -1,4 -6,6 10,0 -16,7 -11,4 -7,7
Verbrauch 383 3,7 -1,0 -1,9 -4,1 -4,3 -1,3 -3,3
- privat 272 3,8 -0,0 -3,6 -4,9 -3,9 -2,0 -5,7
- öffentlich 112 3,5 -3,8 -2,5 -2,2 -5,3 -0,4 -1,
Investitionen 71 4,7 -4,1 -20,3 -16,9 -18,6 -4,1 -15,7
- privat 58 5,2 -6,2 -23,1 -19,6 -18,9 -6,9 -19,7
- öffentlich 13 2,2 -14,1 -0,2 -2,0 -17,4 -8,5 -10,7
* Prognose

8.1.3. Beschäftigung

Das Angebot an Arbeitskräften fiel während der Rezession um etwa 70.000 (-3 %). Insbesondere junge Leute wanderten angesichts des Mangels an Arbeitsplätzen in Ausbildungsgänge ab, während Mütter kleiner Kinder sich in gewissem

Umfang von bezahlter Arbeit in

den Haushalt zurückzogen. Ein schnelles Wirtschaftswachstum vorausgesetzt, dürfte das Arbeitskr,fteangebot in dem Maáe steigen, wie diese Reserve mit steigenden Besch,ftigungsaussichten auf den Arbeitsmarkt zurückkehrt. Das Wachstum der Bev"lkerung im arbeitsf,higen Alter wird sich in den neunziger Jahren ebenfalls fortsetzen, und falls der "konomische Trend günstig bleibt, k"nnte das Arbeitskr,fteangebot bis zum Jahr 2000 aus demographischen Gründen um weitere 4 bis 5 % steigen. Andererseits werden zus,tzliche Berufsbildungsm"glichkeiten das Wachstum des Arbeitskr,fteangebots einschr,nken, so daá die Erwerbsbev"lkerung bis zum Jahr 2000 voraussichtlich nur um etwa 70.000 zunehmen wird, was einer Steigerung der Gesamtzahl auf etwa das Niveau vor der Rezession entspräche. Die Erwerbsbevölkerung wird erst im nächsten Jahrhundert zu schrumpfen beginnen, am deutlichsten in dem Jahrzehnt nach 2010, wenn die Kinder der Babyboom-Generation der Nachkriegszeit das Pensionsalter erreichen werden.

Für die Ökonomie als Ganzes verursachte die Rezession in vier Jahren den Verlust von fast 500.000 Arbeitsplätzen. Etwa die Hälfte der Arbeitsplätze im Bausektor ist verlorengegangen, während Industrie und Handel, durch die Rezession am zweitschlimmsten getroffen, den Verlust jedes vierten Arbeitsplatzes erlebten. Die Beschäftigung im Transportwesen, im Finanzwesen und in den Dienstleistungssektoren sank um 5 bis 15 %. Die Beschäftigung in der Land- und Forstwirtschaft fiel entsprechend dem langfristigen Trend (siehe Tabelle 2).

Es wird selbst bei gesunder Wirtschaftsentwicklung lange Zeit dauern, die verlorengegangenen Arbeitsplätze neuzuschaffen; mit Sicherheit wird die Beschäftigung in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre deutlich niedriger als vor der Rezession bleiben. Mit weiteren strukturellen Veränderungen innerhalb der Wirtschaft ist ebenfalls zu rechnen, was zu Veränderungen bei Arbeitskräfteangebot und -nachfrage führen und die Senkung der Arbeitslosigkeit erschweren wird.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften begann in der zweiten Hälfte des Jahres 1994 langsam zu steigen. Im letzten Quartal lag die Zahl der Beschäftigten um etwa 20.000 (1,0 %) höher als im Vorjahr. Das erste Quartal 1995 sah einen beschleunigten Anstieg der Nachfrage nach Arbeitskräften, lag doch die entsprechende Zahl um 40.000 (+ 2,0 %) höher als die des Vorjahres. In allen Sektoren mit Ausnahme der Landwirtschaft stieg die Beschäftigung an. Der größte Teil neugeschaffener Arbeitsplätze (+ 25.000) entfiel auf die verarbeitenden Industrien.

Langfristige Prognosen sind im Falle Finnlands ziemlich unzuverlässig, weil man sich nach der Rezession und den vielen strukturellen Veränderungen nicht gänzlich auf die traditionellen makroökonomischen Beziehungen zwischen Produktion, Produktivität und Beschäftigung verlassen kann. Es ist offenbar, daß sich die arbeitsplatzschaffenden Mechanismen weitgehend verändert haben und daß z. B. die Einstellungskriterien seit den Tagen stetigen und stabilen Wachstums in den achtziger Jahren modifiziert worden sind. Angesichts dessen dürfte eine Verbesserung der Beschäftigungslage einen funktionelleren und stärker diversifizierten Arbeitsmarkt sowie eine Intensivierung der Programme zur Schaffung von Arbeitsplätzen erfordern.

Die Wirkungen der EU-Mitgliedschaft auf die Beschäftigung sind nur schwer vorherzusagen. Das Ministerium für Arbeit schätzt ein, daß sie in einigen Bereichen, insbesondere in der Landwirtschaft, der Lebensmittelindustrie, im öffentlichen Dienst und auf kurze Sicht in der chemischen Industrie, zu Arbeitsplatzverlusten führen wird. Andererseits dürften die Hochtechnologie-Sektoren der Metall- und Maschinenbauindustrie, die pharmazeutische Industrie, der Tourismus, der Privat- und Firmen-Dienstleistungsbereich von der Mitgliedschaft profitieren.

Es sind in Finnland nationale Strategien entworfen worden, um ein ununterbrochenes Wirtschaftswachstum bis zum Ende des Jahrzehntes zu unterstützen, die Staatsschuld unter Kontrolle zu bringen und die gegenwärtige hohe Arbeitslosenquote auf den europäischen Durchschnitt zu senken. Die von Präsident Ahtisaari eingesetzte Arbeitsgruppe zur Beschäftigung stellte in ihrem Bericht fest, daß ein Wachstumsziel von ungefähr 5 % pro Jahr realisierbar ist, falls die Wirtschaftsentwicklung insgesamt stabil bleibt und die Exporte sowie die exportorientierten Industrien rasch expandieren.

Ein Wirtschaftswachstum von ungefähr 5 % pro Jahr würde die Beschäftigung um etwa 45.000 pro Jahr, d.h. um gut 2 % vergrößern. Anhaltendes schnelles Wachstum bis zum Jahr 2000 dürfte die Zahl der Arbeitsplätze um etwa 270.000 wachsen lassen, aber dies würde noch nicht genügen, das Beschäftigungsziel zu erreichen. Die Arbeitsgruppe war der Auffassung, daß die Unterstützung des Wirtschaftswachstums und eine verstärkte Schwerpunktsetzung bei der Beschäftigung auch eine Vielfalt spezieller Maßnahmen und Bedingungen erfordern. Dazu gehören: eine ständige Umstrukturierung der Produktion, eine merkliche Erhöhung der Zahl kleiner und mittelgroßer Unternehmen, größere Flexibilität im Arbeitsleben und in der Arbeit, eine Erhöhung des Qualifikationsniveaus der Erwerbsbevölkerung sowie eine Intensivierung der aktiven Arbeitsmarktpolitik.

Die Arbeitsgruppe schätzte ein, daß diese Maßnahmen bis zum Jahr 2000 mehr als 330.000 neue Arbeitsplätze schaffen werden, womit die Zahl der Arbeitslosen auf etwa 200.000 und die Arbeitslosenquote auf 8 % reduziert würden.

8.1.3.1. Tabelle 2: Erwerbsbevölkerung und Beschäftigung 1990 und 1994 sowie Prognosen für 1995 und 1996 (in Tsd.)

1990 1994 1995* 1996* 90-94 94-95 95-96
Bevölkerung, 15-74 Jahre 3.737 3.824 3.840 3.855 + 87 + 16 + 15
Nicht zur Erwerbsbevöl-
kerung gehörige Personen 1.181 1.345 1.350 1.350 + 164 + 5 + 0
Erwerbsbevölkerung 2.555 2.480 2.490 2.500 - 75 + 10 + 10
Arbeitslose 88 456 405 360 + 368 - 46 - 45
Beschäftigte 2.467 2.024 2.085 2.140 - 443 + 61 + 55
- Land- und Forstwirtschaft 207 167 160 153 -40 - 7 - 7
- Verarbeitende Industrie 556 426 453 473 - 130 + 27 + 20
- Bauindustrie 205 114 126 138 - 91 + 12 + 12
- Handel 394 297 305 315 - 97 + 8 + 10
- Transport- und
Kommunikationswesen 178 161 170 180 -17 +9 +10
- Finanzwesen,
Versicherungen,
Firmendienstleistungen 238 202 202 202 -36 0 0
- Öffentliche Dienste 546 509 507 502 -37 -2 -5
- Private Dienstleistungen 139 141 155 170 +2 +14 +15
- Sonstige 3 7 7 7 +4 0 0
Erwerbsquote (%) 68,4 64,8 64,8 64,8 -3,6 0 0
Arbeitslosenquote (%) 3,4 18,4 16,3 14,4 +15,0 -2,1 -1,9
* Prognose

8.1.3.2. Abb. 3

8.1.3.3. Mehr Arbeitsplätze in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU)

Die neuen Arbeitsplätze werden hauptsächlich in KMU mit weniger als 500 Arbeitnehmern entstehen, eine Kategorie, die bereits nahezu zwei Drittel der Bediensteten des finnischen Privatsektors beschäftigt. Der Anteil der Arbeitsplätze in den KMU schwankt von Sektor zu Sektor. In der verarbeitenden Industrie beschäftigen KMU weit mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer. Andere wichtige Sektoren sind die Bauindustrie, der Handel und der private Dienstleistungssektor. Obwohl zahlreiche KMU auf dem Binnenmarkt operieren, vergrößert das schnelle Wachstum der Exporte die Nachfrage nach Subunternehmern, was wiederum das Potential der KMU zur Schaffung von Arbeitsplätzen steigert. Die neuen Trends der Industrieorganisation zu schlanker Produktion, zu Unternehmensspezialisierung auf Kern-Geschäftsbereiche und zu vermehrter Vernetzung stärken insgesamt die Rolle der KMU.

Ein Vergleich Finnlands mit den anderen EU-Ländern zeigt, daß die Verbesserung des Wachstumspotentials der KMU auf die Schaffung von Arbeitsplätzen eine bedeutende Wirkung haben kann. In den anderen EU-Ländern entfallen im Mittel etwa 4 % mehr Arbeitsplätze auf KMU als in Finnland. Bei kleinen Firmen mit weniger als zehn Arbeitnehmern ist der Unterschied sogar noch größer. In den EU-Mitgliedstaaten entfallen auf Kleinstunternehmen ca. 29 % aller Arbeitsplätze, während diese Zahl für Finnland nur 23 % beträgt.

Die traditionelle finnische Fertigungsstruktur tendierte stets zur Begünstigung großer Unternehmen. Für die Industriepolitik in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre ist es besonders wichtig, neue Firmen zu unterstützen und die Entwicklung bestehender KMU zu fördern, um die allgemeine strukturelle Erneuerung und Anpassung der Industrie zu beschleunigen.

Der Schwerpunkt sollte jenseits traditioneller industrieller Grenzen und einzelner Industriesektoren gesetzt werden. Die Hauptaufgabe besteht darin, Faktoren des industriellen Wachstums und mögliche Engpässe zu identifizieren, um Prioritäten und Ziele zu setzen und auf dieser Basis zu versuchen, Quantität und Qualität künftig zu schaffender spezieller Produktionsfaktoren zu beeinflussen. Der Identifizierung nachhaltiger Wettbewerbsvorteile und dem langfristigen Wachstum günstiger Faktoren kommt wesentliche Bedeutung zu. Beispielsweise bilden moderne produktionsnahe Dienstleistungen ein Schlüsselelement der neuen Industriestruktur.

8.1.3.4. Trotz der Bankkrise hohe Erwartungen im Hinblick auf Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor

Selbst eine hoch wettbewerbsfähige Industrie kann das Problem der Massenarbeitslosigkeit nicht allein auf sich gestellt lösen. Doch ist ihre arbeitsplatzschaffende Wirkung in anderen Wirtschaftsbereichen spürbar, da neue Industriearbeitsplätze auch die Beschäftigung z. B. im Transportwesen und im Handel und mit den steigenden Einkommen auch bei den privaten Dienstleistungen vergrößern. Wenn die Arbeitslosigkeit überwunden werden soll, müssen die meisten neuen Arbeitsplätze im privaten Dienstleistungssektor geschaffen werden, wo die Gefahr, daß mit steigender Produktivität Personal abgebaut wird, weniger groß als in der Industrie ist. Die privaten Dienstleistungen haben ein erhebliches Potential für die Schaffung von mehr Arbeitsplätzen, nicht zuletzt deshalb, weil viele traditionelle Funktionen der Warenproduktion zunehmend diversen privaten Dienstleistern zufallen werden. Auch bestehen gute Wachstumsaussichten für Privatunternehmen in den früher vom öffentlichen Sektor versehenen Wohlfahrtsdiensten, da das Bedürfnis nach solche Diensten in Zukunft eher steigen als sinken wird.Auch dürfte in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die Zahl der Arbeitsplätze im Bildungswesen und in der Forschung zunehmen. Alles in allem würde das Erreichen

des optimistischeren Besch,ftigungsziels bedeuten, daá bis zum Jahr 2000 etwa 250.000 neue Arbeitspl,tze im Dienstleistungsbereich geschaffen werden.

Ein rascher Beschäftigungsanstieg im tertiärem Sektor setzt den richtigen Grad an Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt voraus. Der Anpassungsprozeß steht erst am Anfang, weshalb es noch schwierig ist, den im Dienstleistungssektor erforderlichen Strukturwandel abzuschätzen. Sozialpolitische Entscheidungen werden weitgehend diktieren, wie die Dienste zwischen dem privaten und dem öffentlichen Sektor aufgeteilt werden. 1994 entfielen auf den öffentlichen Sektor im Durchschnitt 30,6 % der Gesamtbeschäftigung, d. h. 2 Prozentpunkte mehr als 1990. Zwar nahm während der Rezession die Zahl der Arbeitsplätze im öffentlichen Sektor um 86.000 ab (-12 %), doch wuchs der Beschäftigungsanteil, weil im Privatsektor sogar noch mehr Arbeitsplätze verlorengingen. Die Beschäftigung im öffentlichen Sektor umfaßt sowohl die Verwaltung als auch Dienste wie z. B. Bildungs-, Gesundheits- und Sozialwesen - Dienstleistungen, von denen mehr als 85 % vom öffentlichen Sektor produziert werden (Tabelle 3).

Der Finanzsektor einschließlich des Bereichs der Dienstleistungen zugunsten von Unternehmen hat in den letzten Jahren eine gewaltige Rationalisierungswelle über sich ergehen lassen müssen. Insbesondere der Banksektor hat eine tiefe Krise durchgemacht, die immer noch anhält. Banken und Versicherungsgesellschaften werden umstrukturiert, fusioniert oder aufgelöst. Beispielsweise haben die zwei größten Handelsbanken Finnlands kürzlich fusioniert. Im Versicherungsgewerbe wird für die neunziger Jahre nicht mit der Schaffung neuer Arbeitsplätze gerechnet. Im Firmendienstleistungssektor hingegen - einschließlich der Immobilienbranche, der Anwalts-, Wirtschaftsprüf- und Steuerberatungsdienste, der Informationstechnologie, der Marketing- und Sicherheitsdienste - expandieren neue Funktionen und Subsektoren. In diesen Bereichen wird mit einer Zunahme der Beschäftigung gerechnet, da andere Unternehmen ihre eigene Tätigkeit rationalisieren und zunehmend auf externe Auftragsvergabe setzen.

Im Transport- und Kommunikationswesen gab es 1994 etwa 160.000 Arbeitsplätze. Davon entfielen auf das Transport- und Lagerwesen ungefähr 117.000 und auf das Telekommunikationswesen 43.000 Arbeitsplätze. Während der Rezession gingen im Transport- und Nachrichtenwesen verhältnismäßig wenige Arbeitsplätze verloren, und es wird erwartet, daß die Beschäftigung hier rasch wieder das Niveau von vor der Rezession erreichen und sogar übertreffen wird. Am schnellsten wird das Wachstum im Telekommunikationswesen sein, das gegenwärtig der am raschesten wachsende Zweig der finnischen Wirtschaft ist.

Die Entwicklung im Handel folgte bisher im allgemeinen dem gesamtwirtschaftlichen Trend, obwohl die Fluktuationen hier weniger ausgeprägt als in der verarbeitenden Industrie waren. Mit dem Wirtschaftswachstum ist eine steigende Zahl von Arbeitsplätzen im Handel zu erwarten, obwohl stärkerer Wettbewerb den Anstieg dämpfen wird. Der Handel wird zu noch weiteren Rationalisierungen gezwungen werden, was zu Schließungen kleiner Geschäfte führen wird. Die Zahl der Arbeitsplätze in Hotels und im Catering-Gewerbe wird ebenfalls steigen, wenn auch das Tempo davon abhängen wird, wie sich der Tourismus entwickelt, und ein Beschäftigungsanstieg wird auch Arbeitskostenschnitte erfordern. Große ausländische Firmen dürften weiter in viele finnische Dienstleistungsgewerbe, wie z. B. das Transport- und Speditionswesen und die Werbung, eindringen. Ihre Präsenz wird daher voraussichtlich zunehmen, insbesondere in diversen Einzelhandelsbranchen, wie z. B. Bekleidung, Möbel und Innendekoration.

8.1.3.5. Tabelle 3: Öffentliche Beschäftigung nach Sektoren 1990 und 1994

Sektor 1000 Personen % der Beschäftigten
des Sektors
1990 1994 1990 1994
Land- und Forstwirtschaft 16,1 15,3 7,8 9,1
Industrie 15,1 12,6 2,7 3,0
Bauindustrie 28,6 25,3 13,9 22,3
Handel, Hotels und Gaststätten 5,1 3,6 1,3 1,2
Transport- und Kommunika-
tionswesen 70,1 27,6 39,2 17,1
Finanzwesen, Versicherung und
Firmendienstleistungen 24,1 23,9 10,1 11,8
Dienstleistungen 545,6 508,9 79,6 78,2
- Öffentliche Verwaltung und
nationale Verteidigung 129,2 114,9 98,5 98,9
- Bildungswesen und Forschung 137,1 133,2 89,6 88,1
- Gesundheitsdienste 140,6 132,1 86,4 84,6
- Sozialdienste 117,6 112,2 89,2 86,5
- Andere Dienste 21,1 16,4 19,7 16,9
Insgesamt 704,7 618,4 28,6 30,6

8.1.3.6. Der Primärsektor

Im europäischen Vergleich ist der Anteil der Beschäftigung im Primärsektor in Finnland auf einem hohen Niveau geblieben. Dies ist weitgehend auf die bewußte Politik des Schutzes und der massiven Subventionierung der einheimischen landwirtschaftlichen Produktion zurückzuführen. Daher liegen die Preise einheimischer Landwirtschaftsprodukte deutlich über denen auf den Weltmärkten. Fallende Exportsubventionen und reduzierter Schutz gegen Einfuhren werden unvermeidlich Einschränkungen der landwirtschaftlichen Produktion erzwingen. Da auch die Produktivität steigen wird, wird der Einsatz des Produktionsfaktors Arbeit in der Landwirtschaft unvermeidlich abnehmen, die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe fallen und ihre durchschnittliche Größe wachsen. Die Zahl der Arbeitsplätze wird ebenfalls sinken. Die Umstellung auf diese Veränderungen wird als Ersatz für Verlagertes die Entwicklung neuer landwirtschaftlicher Produktionen und die Schaffung neuer Nebenbeschäftigungen erfordern. Jedoch stellt der weitere Rückgang der Landbevölkerung in den ohnehin spärlich bevölkertem ländlichen Gebieten Finnlands ein großes Problem dar.

Die Zahl der Arbeitsplätze in der Forstwirtschaft wird mit ansteigendem Wirtschaftsaufschwung wachsen, aber längerfristig kann sie nur wieder fallen. Es ist auch wahrscheinlich, daß Maschineneinsatz den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft in der Forstwirtschaft weiter senken wird.

8.1.3.7. Tabelle 4: Prozentsatz der Teilzeitarbeitnehmer nach Geschlecht in verschiedenen Ländern

Insgesamt Männer Frauen
Schweden 25 7 45
Norwegen 23 8 45
Dänemark 23 9 42
Finnland 7 4 10
USA 17 10 55
Japan 16 7 31
Niederlande 25 10 55
Belgien 9 2 23
Deutschland 13 2 30
Frankreich 12 3 23
Vereinigtes Königreich 22 5 45
Quelle: Bericht des Ausschusses für Teilzeitarbeit, 1993.

8.1.3.8. Arbeitszeit und Beschäftigung

Allgemein hat die europäische Arbeitszeitforschung Trends zu stärker diversifizierten, individualisierten und lokalisierten Arbeitszeiten vorhergesagt. Hingegen dürften Standard-Arbeitszeitmuster an Boden verlieren. Während der frühen neunziger Jahre war das zentrale Thema der europäischen Arbeitszeitdiskussionen die Arbeitsumverteilung. In Finnland jedoch scheint die Anpassung an die Rezession fast völlig durch vermehrte Arbeitslosigkeit statt durch Anpassung der Arbeitszeit geschehen zu sein. Die offensichtlichste, durch die Rezession teilweise beschleunigte Veränderung ist die vermehrte Zahl lokaler Arbeitszeitvereinbarungen auf Firmenniveau. Während der Rezession gab es allerdings nur geringfügige Veränderungen im Charakter der Arbeitsverträge. Der Anteil der aufgrund von ganztägigen, unbefristeten Verträgen beschäftigten Arbeitnehmer sank nur knapp von 81,4 % auf 80,5 %. Deutlichere Veränderungen betrafen junge Arbeitnehmer und neue Arbeitsverträge. 1989 erfolgten die meisten Neueinstellungen mit unbefristeten Vollzeitarbeitsverträgen. Bis 1993 ging der Anteil solcher Verträge auf lediglich 28 % der neuen Beschäftigungsverhältnisse zurück. Im öffentlichen Dienst geschahen nur 10 % der Neueinstellungen mit unbefristeten Vollzeitverträgen, und unter jungen Arbeitnehmern betrug der entsprechende Anteil 15 % (Julkunen/Nätti 1995).

Finnland hat weit weniger Teilzeitarbeitnehmer als die Länder Mittel- und Südeuropas. Falls Finnland den gleichen Anteil an Teilzeitarbeitnehmern erreichte, wären seine Arbeitslosenprobleme - rein mathematisch zumindest - gelöst. Jedoch sind kulturelle und Arbeitmarkttraditionen komplexe Phänomene, und diese sind in Finnland sehr verschieden von denen in anderen Ländern. Die relativ gleiche Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern in Finnland zeigt sich daran, daß sowohl Männer als auch Frauen meist ganztägig arbeiten; Kinderbetreuungseinrichtungen sind weithin verfügbar.

Ein größerer Anteil an Teilzeitarbeit ist möglich, dies jedoch unter der Bedingung, daß sie freiwillig ausgeübt wird, daß die Löhne angemessen sind und daß Vereinbarungen über die spätere Rückkehr zu ganztägiger Arbeit erreicht werden können. Daher hängt die Zahl der Finnen, die an Teilzeitarbeit interessiert sind, wesentlich von den Arbeitsbedingungen und der Bezahlung ab.

Insgesamt könnten Veränderungen bei Maßnahmen im Bereich Arbeitszeit eine sowohl sozial als auch finanziell sichere Kombination von bezahlter Arbeit, Studium, Familienleben, Freizeit und beruflicher Umschulung gestatten. Allerdings müssen alle Reformen gegen zunehmende Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt Sicherheit gewähren; auch Männer müssen zur Annahme von Teilzeitstellen ermutigt und bei der Teilzeitarbeit unterstützt werden.

Teilzeitarbeit ist nicht der einzige Weg, Arbeitszeitregelungen flexibler zu machen. Verschiedene Modelle zur Neuordnung und Umverteilung der Arbeitszeit sind in der Praxis entwickelt und erprobt worden. Dazu gehören Berufsunterbrechungen zur Weiterbildung und durch Sabbaticals sowie das Aufteilen des Arbeitstages in zwei Schichten von je sechs Stunden. So wird in Finnland gegenwärtig ein 6+6-Schichtmodell erprobt.

8.1.3.9. Tabelle 5: Durchschnittliche registrierte Arbeitslosigkeit 1994 insgesamt und in den dem EU-Ziel 6 entsprechenden Regionen

Insgesamt Außerhalb Region 6 Region 6
Arbeitslose insgesamt 494.200 403.000 90.600
Arbeitslosenquote 20,0 19,3 23,8
Arbeitslose Frauen 217.300 178.800 38.500
- % der Arbeitslosen 43,9 44,3 42,5
Unter 25 Jahren 93.900 76.700 17.000
Unter 20 Jahren 27.600 22.600 5.000
Langzeitarbeitslose 135.600 117.900 17.700
- % der Arbeitslosen 27,4 29,2 19,5
Behinderte 32.000 24.800 7.200

8.1.3.10. Arbeitslosigkeit

Bis in die neunziger Jahre war die Arbeitslosigkeit in Finnland deutlich unter dem durchschnittlichen EU-Niveau geblieben. Anders als in den EU-Ländern fiel die Arbeitslosenquote sogar nach dem von der Ölkrise verursachten Konjunktureinbruch weiter, und in den achtziger Jahren lag die Arbeitslosigkeit durchschnittlich unter 5 %, d. h. bei etwa der Hälfte des europäischen Durchschnitts. Mit der Rezession der frühen neunziger Jahre jedoch explodierte die Arbeitslosigkeit innerhalb nur weniger Jahre auf das Fünffache ihres früheren Standes und erreichte etwa das Doppelte des durchschnittlichen EU-Niveaus. Trotz des Konjunkturaufschwungs stieg die Arbeitslosigkeit weiter und nimmt erst seit der zweiten Hälfte des Jahres 1994 langsam wieder ab. Die 1994 registrierte Arbeitslosigkeit der Erwerbsbevölkerung als Ganzes und ihrer verschiedenen Untergruppen ist in Tabelle 5 dargestellt.

Die zyklische Arbeitslosigkeit begann Anfang 1994 geringfügig zu sinken, was unter anderem auf eine geringere Zahl von Entlassungen zurückging, während Personalneueinstellungen nur sehr langsam zunahmen. Sogar während des ersten Quartals 1995 entfiel etwa die Hälfte des Rückgangs der Arbeitslosigkeit auf die rückläufigen Entlassungen.

8.1.3.11. Tabelle 6: Den Arbeitsämtern 1991 bis 1994 gemeldete Erwerbspersonen, Stellensuchende und freie Stellen

Jahr Erwerbspersonen (1000) Stellensuchende Arbeitslose Stellensuchende Freie Arbeitsstellen
1991 2.553 1 719.400 464.900 196.900
1992 2.502 1 907.300 646.800 196.900
1993 2.484 1.028.600 768.800 114.200
1994 2.470 1 954.500 710.000 153.800

8.1.3.12. Langzeitarbeitslosigkeit

Vor der Rezession war die Zahl der Langzeitarbeitslosen (seit mehr als einem Jahr arbeitslose Personen) in den achtziger Jahren mit ungefähr 10 bis 14 % aller Arbeitslosen recht klein. Dies war vor dem Beschäftigungsgesetz von 1988, das die Gemeinde oder den Staat verpflichtete, Langzeitarbeitslosen einen Arbeitsplatz für die Dauer von sechs Monaten anzubieten. Das Gesetz beseitigte in Verbindung mit der intensiven Arbeitskräftenachfrage während der Boom-Periode die Langzeitarbeitslosigkeit fast völlig. Mitte der neunziger Jahre gab es nur 2.500 Langzeitarbeitslose, was 3 % aller Arbeitslosen entsprach.

Der anschließende rapide Anstieg der Arbeitslosigkeit führte zu einer neuerlichen Zunahme. Mit der wachsenden Zahl jener, die aufgrund des Gesetzes Anspruch auf Arbeit hatten, wurden der Staat und die Gemeinden mit bedeutenden Schwierigkeiten bei der Durchführung des Gesetzes konfrontiert; schließlich wurde die Pflicht, Langzeitarbeitslosen eine Arbeit anzubieten, im neuen Beschäftigungsgesetz von 1993 wieder abgeschafft.

Dennoch hat die Arbeitsmarktverwaltung ihre Tätigkeit stets auf die Langzeitarbeitslosen ausgerichtet. Es war ausschließlich den intensivierten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen zu verdanken, daß das Wachstum der Langzeitarbeitslosigkeit im Herbst 1994 zum Stillstand gebracht werden konnte. Ungeachtet dessen dürfte die Langzeitarbeitslosigkeit als Anteil der Gesamtarbeitslosigkeit infolge des Rückgangs der Gesamtzahl der Arbeitslosen wahrscheinlich noch steigen.

Absolut und relativ am höchsten ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen in den industriellen Berufen. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist daher geographisch in den alten, im Abstieg befindlichen Industriegebieten konzentriert. Ein großer Anteil - 32 % - der Langzeitarbeitslosen hat keine Berufsqualifikationen, während 32 % in der Sekundarschule eine Berufsbildung erhalten haben. Nur 5 %, weniger als 6.000, der Langzeitarbeitslosen haben Hochschulbildung.

Langzeitarbeitslosigkeit ist unter älteren Arbeitslosen ein besonders ernstes Problem: 55 % der Arbeitslosen über 55 Jahren - mehr als 30.000 Personen - sind seit über einem Jahr ohne Arbeit. Jedoch nimmt die Langzeitarbeitslosigkeit auch unter den jüngeren Altersgruppen zu. Ende 1994 waren 11 % - 9.500 Personen - der Arbeitslosen unter 25 Jahren und 6 % - 1.500 Personen - der noch nicht 20jährigen Arbeitslosen schon seit über einem Jahr ohne Arbeit.

Langzeitarbeitslosigkeit wird allgemein als das ernsteste Problem des finnischen Arbeitsmarktes betrachtet. Sie hat bereits ein solches Ausmaß angenommen, daß sie die Qualität der Erwerbsbevölkerung zu verschlechtern droht und die Nachhaltigkeit schnellen Wirtschaftswachstumes während der Aufschwungperiode in Frage stellt. Ferner ist es schwierig, Langzeitarbeitslosigkeit durch konventionelle Mittel zu durchbrechen, und ein bedeutender Anteil der Arbeitslosen sieht sich dem Risiko eines völligen Ausschlusses vom Arbeitsmarkt ausgesetzt. Die steigende Arbeitskräftenachfrage verbessert die Situation Langzeitarbeitsloser nicht in größerem Umfang: Sowohl jene, die zum erstenmal in den Arbeitsmarkt eintreten, als auch jene, die nur für verhältnismäßig kurze Zeit arbeitslos waren, sind in einer vorteilhafteren Situation, wenn neue Arbeitskräfte rekrutiert werden.

8.1.3.13. Abb. 4

8.1.3.14. Jugendarbeitslosigkeit

Im langfristigen Durchschnitt liegt die Arbeitslosenquote der noch nicht 25jährigen beim Doppelten der Gesamtquote. Dieses Verhältnis wurde durch die Massenarbeitslosigkeit nicht bedeutend verändert. 1994 betrug die Arbeitslosenquote der noch nicht 25jährigen 33,6 % und war damit fünfmal so hoch wie 1990. Die Arbeitslosenquote von Teenagern (15-19 Jahre) betrug 1994 durchschnittlich 36,7 % und die junger Erwachsener (20-24 Jahre) 32,4 %. Während der Rezession sind junge Leute mit befristeten Arbeitsverträgen und mit niedrigem Bildungsstand mit größerer als nur durchschnittlicher Wahrscheinlichkeit arbeitslos geworden, und sie waren am meisten von längeren Perioden der Arbeitslosigkeit betroffen. Der Anteil junger Arbeitsloser ohne Bildungsqualifikationen ist im Ballungsraum Helsinki besonders hoch.

Jugendarbeitslosigkeit ist hauptsächlich ein Problem des Eintritts in den Arbeitsmarkt. Als die Nachfrage nach Arbeitskraft einbrach, hatten junge Leute Schwierigkeiten, nach der Schule eine erste Arbeit zu finden. Folglich entschieden sich junge Leute zunehmend für die Teilnahme an Ausbildungsprogrammen. Daher hat die Erwerbsquote der jüngeren Altersgruppen stetig abgenommen; während der Rezession sank sie für Teenager um etwa 14 % und für junge Erwachsene um etwa 9 %. Zwar zeigt dies an, daß junge Leute trotz - oder vielleicht wegen - der Arbeitslosigkeit weiterhin auf Bildung setzen, doch bedeutet dies auch, daß das Arbeitskräfteangebot expandieren dürfte, sobald sich die Beschäftigungsaussichten verbessern.

8.1.3.15. Regionale und geschlechtsspezifische Aspekte der Arbeitslosigkeit

Die regionalen Unterschiede hinsichtlich der Arbeitslosigkeit sind in Finnland immer groß gewesen. In den Rezessionsjahren wurden diese Unterschiede jedoch nivelliert, da die Arbeitsplatzverluste das ganze Land ziemlich gleichmäßig trafen. Am stärksten stieg die Arbeitslosigkeit im Süden Finnlands und in den großstädtischen Gebieten, wo die Arbeitslosenquote zuvor am niedrigsten und der Arbeitskräftemangel in den späten achtziger Jahren häufig ein zentrales Problem gewesen waren.

Es ist noch ungewiß, ob dieser ,Nivellierungseffekt" von Dauer sein wird. Frühere Aufschwünge zeigen jedoch, daß bei steigender Arbeitskräftenachfrage neue Arbeitsplätze meist im Süden Finnlands entstehen, so daß die regionalen Unterschiede wieder zunehmen dürften. Solche Unterschiede werden auch dadurch verschärft, daß die Wirkungen der Sparpolitik der öffentlichen Hand künftig am meisten die Entwicklungsgebiete treffen werden, die einen größeren Anteil an Arbeitsplätzen in Gemeindeverwaltungen und Staat aufweisen als der Süden.

Die finnische Rezession traf die Bau- und die verarbeitende Industrie als erste, und folglich betraf die Schrumpfung anfangs die männliche Beschäftigung. Die relativen Beschäftigungsanteile der Frauen blieben zunächst hoch. Doch ist mit den zunehmenden Einsparungen bei den öffentlichen Ausgaben und staatlichen Diensten (vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen) die weibliche Arbeitslosigkeit rasch gestiegen. In dieser Hinsicht dürfte sogar eine erneute Wachstumsperiode die Situation nicht verbessern. Allerdings könnten noch schlimmere Zeiten für die weibliche Arbeitslosigkeit ins Haus stehen, da die Schnitte bei den staatlichen Ausgaben wahrscheinlich anhalten werden und zu weiteren Verlusten von Frauenarbeitsplätzen führen dürften.

8.1.4. Industrielle Beziehungen

Eine Lockerung und Veränderungen der Vorschriften über Arbeitszeiten, Lohnsysteme und andere Arbeitsbedingungen sind in Finnland Gegenstand einer intensiven Debatte. Der gesamte Fragenkomplex, häufig einfach ,Größere Flexibilität des Arbeitsmarktes" genannt, wird oft als Allheilmittel für alle Arbeitslosenprobleme des Landes betrachtet. In Finnland werden diese Fragen meist durch Verhandlungen in drittelparitätischen Gremien behandelt. Daher müssen radikale Veränderungen der Arbeitsmarktvorschriften auf dieser Basis vereinbart werden; sie stehen keineswegs in alleiniger Entscheidungsgewalt der Arbeitsverwaltung.

Das finnische System der industriellen Beziehungen hat viele Merkmale mit dem schwedischen, norwegischen und dänischen System gemein: Der gewerkschaftliche Organisationsgrad ist hoch (zwischen 60 und 90 %); landesweit tätige Gewerkschaften spielen eine wichtige Rolle, und die meisten Organisationen genießen praktisch eine Monopolstellung.

Traditionell ist das Verhandlungsmodell hoch zentralisiert gewesen. Die Verhandlungen zwischen den zentralen Arbeitsmarktorganisationen bildeten den allgemeinen Rahmen für gesetzlich verbindliche Kollektivverträge. In der Regel ist die Lokalebene lediglich für die Durchführung der so getroffenen Regelungen zuständig.

Dieses zentralisierte und konsensorientierte System funktionierte gut bis zur Rezession der neunziger Jahre; die neue ökonomische Situation zusammen mit Finnlands Beitritt zur EU stellte es jedoch vor neue Herausforderungen. Finnische Firmen und das Verhandlungssystem insgesamt müssen wettbewerbsfähiger, flexibler und effektiver werden. Das alte, zentralisierte System ist zu starr und zu langsam, um auf rasche Veränderungen reagieren zu können. Es hat sich einseitig auf die Schaffung zunehmend komplizierter Normen und Vorschriften konzentriert, und es ist nicht fähig, die Probleme hoher Arbeitslosigkeit oder die Schwierigkeiten zu lösen, mit der sich die alternde Erwerbsbevölkerung in einem hochkomplexen Arbeitsmarkt konfrontiert sieht.

In den meisten westlichen europäischen Ökonomien gibt es jetzt eine Tendenz zu Verhandlungen auf lokaler oder Unternehmensebene, und man bemüht sich, in einzelnen Firmen Mitbestimmungs- und Entscheidungssysteme zu entwickeln. Die Freiheit, Entscheidungen auf Firmen- und sogar auf Werkstattniveau zu treffen, nimmt zu.

In Finnland wurden die wichtigsten Schritte in Richtung Dezentralisierung Ende 1993 mit den auf

Gewerkschaftsebene geschlossenen Kollektivverträgen unternommen. Die Vereinbarung im Metallsektor war ein Durchbruch, der den Weg für die anderen Branchen öffnete. Im öffentlichen Sektor fingen die Kommunalverwaltungen vor zwei Jahren an, Entscheidungsbefugnisse auf die Lokalebene hinunter zu verlagern. Dies macht deutlich, daß bereits entscheidende Schritte unternommen worden sind, und das finnische System zentralisierter Tarifverhandlungen ist auf dem Weg zu neuen Regelungen, in denen der Lokalebene eine weitaus wichtigere Rolle zukommen wird.

Im Rahmen von durch nationale Organisationen gesetzten Richtlinien können lokale Vereinbarungen für die notwendige Flexibilität sorgen. Die Frage bleibt, ob die Arbeitgeber willens sind, auf lokaler Ebene mit Arbeitnehmern Abschlüsse zu erreichen. Falls die beteiligten Parteien unfähig sind, eine Vereinbarung auf lokaler Ebene zu erreichen, gibt es jedoch in den Kollektivverträgen und der Gesetzgebung allgemeine Richtlinien, um solche Situationen zu bewältigen (Kairinen 1994).

Somit gibt es eine deutliche Entwicklung zu mehr örtlichen Abmachungen und einem stärker dezentralisierten System der industriellen Beziehungen. Angesichts der sehr langwierigen, komplizierten und konfliktreichen Verhandlungen im Winter und Frühjahr 1995 erhoben sich aber wieder Stimmen für eine Rückkehr zu zentralisierten, landesweiten Verhandlungen.

8.1.5. Arbeitsmarktpolitische Maßnahmen

In Finnland werden arbeitsmarktpolitische Maßnahmen vom Ministerium für Arbeit und unter dessen Aufsicht von den Bezirksarbeitsämtern (13) und den lokalen Arbeitsämtern (183) durchgeführt. Das Ministerium für Arbeit definiert die nationalen Prioritäten der Arbeitsmarktpolitik. Das Hauptaugenmerk gilt seit jeher dem Abbau der Arbeitslosigkeit im allgemeinen und der Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit im besonderen.

Das schnelle Wachstum der Arbeitslosigkeit hat die Zahl der Arbeitsamtbesucher in den letzten Jahren beträchtlich ansteigen lassen: 1994 waren mehr als 40 % der Erwerbspersonen irgendwann im Laufe des Jahres bei den Arbeitsämtern als Stellensuchende registriert, drei Viertel davon waren Arbeitslose (siehe Tabelle 6).

8.1.5.1. Tabelle 7: Ausgaben für aktive und passive Arbeitsmarktpolitik (in Mio. FIM)

Jahr Aktive Maßnahmen Arbeitslosenunterstützung
1985 2.135 1.984
1991 5.176 5.127
1992 6.815 9.837
1993 6.593 13.462
1994 6.127 15.500

8.1.5.2. Tabelle 8: Finnische Arbeitsmarktprogramme 1985, 1989 und 1994 (Ausgaben in Mio. FIM)

Programm 1985 1989 1994
Staatliche Arbeitsvermittlung
und Arbeitsverwaltung 265 515 876
Berufsbildung 894 1.161 2.417
Maßnahmen zugunsten
Jugendlicher 176 255 678
Subventionierte Beschäftigung 1.420 2.258 3.966
Maßnahmen zugunsten
Behinderter 300 619 754
Arbeitslosengeld 2.927 3.105 23.352
Vorruhestand aus
Arbeitsmarktgründen 1.553 2.678 2.378
Insgesamt 7.535 10.591 34.440
Quelle: Statistische Abteilung des Arbeitsministeriums.

8.1.5.3. Aktive und passive Arbeitsmarktpolitik

Die Mittel für die aktive Beschäftigungspolitik sind in den letzten Jahren beträchtlich aufgestockt worden; seit 1985 sind sie auf das Dreifache gestiegen. Mittels aktiver Beschäftigungspolitik gelang es, die Arbeitslosenquote 1994 um ca. 4 % zu senken. Durchschnittlich nahmen im vergangenen Jahr 96.000 Arbeitslose an Maßnahmen teil.

Das finnische Arbeitslosenversicherungssystem ist recht umfassend und daher auch teuer. Das explosive Wachstum der Arbeitslosigkeit bedeutete, daß die Aufwendungen für Arbeitslosengeld in neun Jahren auf fast das Achtfache gestiegen sind. Auf Ausgaben für aktive Maßnahmen entfallen gegenwärtig ca. 1,25 % des BIPs, während die Ausgaben für Arbeitslosengeld 3 % schlucken. Ferner müssen andere durch Arbeitslosigkeit verursachte Aufwendungen - z. B. für Sozialhilfe - sowie Verluste der Volkswirtschaft berücksichtigt werden. Das Verhältnis zwischen aktiver und passiver Arbeitsmarktpolitik ist daher eindeutig verzerrt (siehe Tabelle 7).

Infolge des Zustands der finnischen Volkswirtschaft und insbesondere wegen des hohen Niveaus der Verschuldung besteht großer Druck, bei der Arbeitslosenversicherung Einsparungen vorzunehmen. Jedoch sind die für aktive Arbeitsmarktpolitik benutzten Mittel teilweise eine Alternative zu Aufwendungen für Arbeitslosengeld, da sie die Arbeitslosigkeit und daher den Bedarf nach Zahlung von Arbeitslosengeld vermindern.

Die Arbeitsmarktmaßnahmen umfassen die allen Klienten der Arbeitsämter offenstehenden Dienstleistungen (Stellenvermittlung, Berufsberatung usw.), Berufsbildungsmaßnahmen für Erwachsene, die hauptsächlich auf Arbeitslose und von Arbeitslosigkeit bedrohte Personen ausgerichtet sind, sowie subventionierte Beschäftigung für Arbeitslose. Zur Beschäftigungspolitik im weiteren Sinne zählen staatliche Investitionen zur Schaffung von Arbeitsplätzen, staatliche Zuschüsse für kommunale und private Investitionen und spezifische Hilfen für Strukturveränderungen.

8.1.5.4. Berufsberatung und Arbeitsvermittlung

Das Ziel der Berufsberatung und Arbeitsvermittlung ist die Förderung der beruflichen Entwicklung und der Beschäftigungsaussichten jedes Einzelnen sowie die Bereitstellung von Arbeitskräften für die Arbeitgeber. Gemäß dem Anfang 1994 in Kraft getretenen neuen Gesetz über Berufsberatung und Arbeitsvermittlung dürfen nunmehr die Vermittlung und andere beschäftigungsfördernde Dienstleistungen auch von Privatunternehmen ausgeführt werden.

Die Berufsberatung soll dem Einzelnen helfen, eine passende Arbeitsstelle zu finden, und seine Berufslaufbahn fördern. Berufsberatung wird in 120 der 183 Arbeitsämter angeboten. 45.000 Personen, zur Hälfte Jugendliche, erhalten jährlich Berufsberatung. In den letzten Jahren hat sich jedoch der Schwerpunkt der Berufsberatung zunehmend zu Diensten für bereits im Arbeitsmarkt befindliche Erwachsene verschoben.

Die Arbeitsberatung für Jugendliche soll Berufsorientierung gewähren, bei der Auswahl von Ausbildungsmöglichkeiten helfen und den Übergang von einer Bildungsphase zur nächsten bzw. zwischen Schulbildung/Berufsbildung und dem Arbeitsmarkt erleichtern.

Bildungs- und Berufsinformationsdienste stellen Information über Ausbildungsmöglichkeiten, die Inhalte verschiedener Arbeiten und Berufe und den Arbeitsmarkt bereit. Die Informationen stehen (sowohl in gedruckter als auch in elektronischer Form) den Klienten aller Arbeitsämter zur Verfügung.

Die Zahl der behinderten Stellenbewerber hat infolge des Alterns der Erwerbsbevölkerung und hoher Arbeitslosigkeit ständig zugenommen. Mit etwa 45.000 stellen die Behinderten 8 % aller Arbeitsuchenden. Die Zahl behinderter Arbeitsloser lag in der ersten Hälfte des Jahres 1994 durchschnittlich über 31.000. Die Beschäftigung Behinderter auf dem offenen Arbeitsmarkt ist mit der Abschwächung der Beschäftigungslage schwieriger geworden, und die Langzeitarbeitslosigkeit unter Behinderten und damit die wirkliche Gefahr des Ausschlusses vom Arbeitsmarkt sind gewachsen. Die Beschäftigung behinderter Arbeitsuchender wird hauptsächlich mittels allgemeiner Beratungs- und Vermittlungsdienste, durch Ausbildung und durch subventionierte Beschäftigung gefördert. Ferner gibt es für Behinderte Berufsrehabilitierungs- und eine Vielzahl anderer hilfreicher Maßnahmen.

Die Arbeitsämter können behinderte Stellenbewerber auch auf von Gemeinden, Gemeindeverbänden oder gemeinnützigen Organisationen eingerichteten geschützten Arbeitsplätzen unterbringen. Geschützte Arbeit wird über das staatliche Zuschußprogramm für Sozial- und Gesundheitswesen finanziert.

8.1.5.5. Berufsbildungsmaßnahmen für Arbeitslose

Berufsbildungsmaßnahmen haben innerhalb der aktiven Arbeitsmarktpolitik großes Gewicht. Arbeitslose sollen zu Beginn ihrer Arbeitslosigkeit an Maßnahmen teilnehmen, und damit sollen längere Perioden der Arbeitslosigkeit verhindert werden. Jedoch hat die steigende Zahl Langzeitarbeitsloser den Schwerpunkt allmählich verschoben, so daß gegenwärtig etwa 10 % der Teilnehmer seit mehr als zwölf Monaten arbeitslos sind.

Berufsbildungsmaßnahmen für Arbeitslose werden in Zusammenarbeit zwischen der Arbeitsverwaltung und den Erziehungsbehörden durchgeführt. Die Arbeitsverwaltung ist für die Definition der Ziele und die Finanzierung der Maßnahmen verantwortlich, während die Erziehungsbehörden für die inhaltliche Planung und ihre Durchführung zuständig sind. Die Arbeitsverwaltung kauft Maßnahmen von den Berufsbildungträgern: Berufsbildungsanstalten, Erwachsenenbildungszentren, Universitäten und Privatunternehmen. Die Auswahl beruht auf Wettbewerb, d. h. der Berufsbildungträger wird durch ein Ausschreibungsverfahren ausgewählt. Die Arbeitsverwaltung kann auch Ausbildungsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit Arbeitgebern organisieren.

Während der Ausbildung wird den Teilnehmern eine Beihilfe in Höhe des Arbeitslosengeldes gezahlt. Ferner erhalten sie zur Deckung von Reisekosten eine Lebenshaltungskostenzulage, und Verpflegungs- und Unterkunftskosten können ersetzt werden. Die Unterstützung wird von den Arbeitslosenversicherungskassen und den örtlichen Büros des Finnischen Sozialversicherungsinstituts gezahlt.

Die Teilnahme jüngerer Altersgruppen an berufsbildenden Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik ist ziemlich begrenzt, da für ihre Ausbildung überwiegend die Mittelstufe des Bildungswesens genutzt wird. Der intensive Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit hat jedoch den Anteil junger Leute an den Maßnahmen anwachsen lassen. 1993 waren von den neuen Teilnehmern 34 % noch nicht 30 Jahre alt, 34 % in der Gruppe zwischen 30 und 40 Jahren und 27 % in der Gruppe zwischen 40 und 50 Jahren. Teilnehmer im Alter von über 50 Jahren machten nur 5 % aus.

Die Maßnahmen sollen ferner die Chancengleicheit der Geschlechter fördern und die Spaltung des Arbeitsmarktes überwinden helfen. Frauen werden ermutigt, traditionell ,männliche" Berufe und zu ergreifen und umgekehrt. Mit der sich abschwächenden Beschäftigungslage in neunziger Jahren stieg der Frauenanteil an der Arbeitslosigkeit von 37 % auf 44 %. Frauen stellen auch 39 % der Eintritte in Berufsbildungsmaßnahmen.

Nach Berufsfeldern fallen die größten Teilnehmergruppen in die Bereiche Verwaltungs- und Büroarbeit (26 %) sowie Industriearbeit (22 %). Ausbildungsgänge für künftige Unternehmer und Selbständige wurden vermehrt angeboten. Da die Beschäftigungsmöglichkeiten im öffentlichen Dienst schrumpfen werden, entsteht insbesondere im Sozial- und Gesundheitswesen Bedarf an unternehmerischer Initiative. Die Ausbildung zum Unternehmer ist auch auf den Gebieten der Technologie und der Naturwissenschaften erweitert worden. Insgesamt 9.500 Personen begannen 1993 eine Unternehmerausbildung; 10 % der erfolgreichen Absolventen von Ausbildungprogrammen hatten Unternehmerkurse besucht.

Die Beschäftigungslage der Absolventen der Maßnahmen wird zwei Monate nach deren Ende kontrolliert. 1990 wurden ca. 80 % der Absolventen unmittelbar nach der Ausbildung vermittelt, und nur 17 % waren zum Zeitpunkt der Kontrolle arbeitslos. Die Verschlechterung der Beschäftigungslage hat jedoch den Erfolg der Ausbildung zurückgehen lassen: Heute findet nur ein Drittel der Absolventen sofort einen Arbeitsplatz.

Um die langfristigen Wirkungen der Berufsbildungsmaßnahmen zu evaluieren, wird seit 1993 ein bis 1996 laufendes spezielles Forschungsprojekt durchgeführt, das drei umfangreiche Erhebungen zur Wirkung der Maßnahmen auf individueller, betriebs- und nationaler Ebene umfaßt. Nach den vorläufigen Ergebnissen bewerten die einstellenden Firmen die Maßnahmen recht positiv. Die Ausbildung entsprach im allgemeinen ihren Anforderungen, und die Ausbildungsergebnisse hatten auch eine günstige Wirkung auf den Geschäftserfolg der Firmen. Auch die Teilnehmer erklären, daß die Ausbildung ihre Erwartungen erfüllt habe und sich auch ihre Beschäftigungsaussichten verbessert haben. Die nationale Wirkungsstudie zeigt, daß es durch die Maßnahmen gelang, zusätzliche Arbeitslosigkeit zu verhindern, die bestehende Arbeitslosigkeit zu reduzieren und den Zugang zum Arbeitsmarkt zu erleichtern.

8.1.5.6. Tabelle 9: Berufsbildungsmaßnahmen in den neunziger Jahren: Teilnehmerzahl und Budget

Jahr 1991 1992 1993 1994
Einkauf von Ausbildungs-
leistung 614 764 788 928
Teilnehmervergütungen 732 1.209 1.234 1.259
Insgesamt 1.246 1.973 2.022 2.187
Eintritte in Maßnahmen 18.400 28.900 30.600 32.000
- Anteil an der Erwerbs-
bevölkerung 0,7 % 1,1 % 1,2 % 1,3 %

8.1.5.7. Subventionierte Beschäftigung

Befristete Beschäftigung, die aus dem Beschäftigungsfonds subventioniert wird, kann Arbeitslosen angeboten werden, die auf dem offenen Arbeitsmarkt nicht vermittelt oder nicht in eine Berufsbildungsmaßnahme aufgenommen werden können. Voraussetzung hierfür ist, daß sich die Beschäftigungsaussichten der Betreffenden durch die subventionierte Beschäftigung verbessern. Bevor eine subventionierte Beschäftigung angeboten wird, wird ein Plan zu den Beschäftigungsaussichten des Klienten und zu möglichen Maßnahmen zur Verbesserung seiner Situation - Berufsbildung, Umschulung, Ausbildung am Arbeitsplatz oder eine Kombination dieser - erstellt. Spezielle Aufmerksamkeit wurde der Verbesserung der Integrationsfähigkeit der am schwersten Vermittelbaren gewidmet.

Die Rezession hat die Bedeutung subventionierter Beschäftigung wachsen lassen; 1994 nahmen 2,7 % der Erwerbsbevölkerung an den Maßnahmen teil. 1994 waren von den mit Lohnkostenzuschüssen beschäftigten Personen 52 % Langzeitarbeitslose. Für junge Leute wird die Ausbildung am Arbeitsplatz subventioniert, wodurch der Zugang zu einem Berufsbildungsgang oder Arbeitsplatz erleichtert werden soll. 1994 machten junge Leute 20,4 % und Behinderte 3,3 % der auf subventionierten Arbeitsplätzen Beschäftigten aus.

Es gibt zwei Arten von Beschäftigungszuschüssen: Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber und solche, die dem Arbeitslosen bei Gründung eines Betriebes oder für die Ausbildung am Arbeitsplatz gewährt werden.

Lohnkostenzuschüsse können sowohl öffentlichen als auch privaten Arbeitgebern gewährt werden. Die relative Bedeutung des Privatsektors als Empfänger von Lohnkostenzuschüssen hat sich zwischen 1991 und 1993 mehr als verdoppelt. Bei staatlichen Trägern deckt der Lohnkostenzuschuß die gesamten Lohnkosten, in Gemeinden und im Privatsektor nur einen Teil davon. Der Beschäftigungszuschuß wird maximal sechs Monate lang gewährt (der Bewilligungszeitraum soll jedoch auf zehn Monate verlängert werden). Die im Rahmen eines solchen Programms Beschäftigten haben einen Anstellungsvertrag mit dem Arbeitgeber und erhalten einen regulären Lohn. Die befristete Beschäftigung soll die Arbeitsmarktfähigkeiten des/der Betreffenden aufrechterhalten und verbessern und so seine/ihre Chancen auf Erlangung eines Dauerarbeitsplatzes erhöhen.

Die dem Arbeitgeber gewährten Zuschüsse dürfen den Wettbewerb zwischen den Unternehmen nicht verzerren; sie werden nicht gewährt, wenn der Arbeitgeber während der letzten drei Monate Personal entlassen hat. Für die angebotenen Stellen müssen die gleichen Arbeitsbedingungen und Zuschläge wie für andere Beschäftigte gelten.

Die direkt dem Arbeitslosen gezahlten Zuschüsse umfassen Ausbildungsbeihilfen, Gründerzuschüsse und Hilfen für Teilzeitbeschäftigte.

Ausbildungsbeihilfen sollen Personen ohne Berufsqualifikation helfen, sich auf das Arbeitsleben einzustellen und zum erstenmal in den Arbeitsmarkt eintretende junge Leute einer geeigneten Ausbildung zuführen. 1994 nahmen durchschnittlich 4.600 Personen an diesen Maßnahmen teil.

Der Gründerzuschuß ist ein Lebenshaltungskostenzuschuß von ca. 5.000 FIM pro Monat zur Unterstützung eines Arbeitslosen mit einer Geschäftsidee in der Anfangsphase seiner Geschäftstätigkeit. Der Zuschuß wird gewöhnlich für die Dauer von sechs bis sieben Monaten gewährt. In dieser Zeit kann der/die Betreffende die Geschäftsidee entwickeln, die ihn/sie befähigen soll, eine eigene Firma aufzubauen. Außer einer realisierbaren Geschäftsidee muß der neue Unternehmer entweder Erfahrung im Geschäftsleben besitzen oder eine Unternehmerausbildung absolviert haben. 1994 betrug die Zahl der Empfänger von Gründerzuschüssen 11.500. Seit dem Beginn des Programms im Jahre 1984 wurden etwa 50.000 Bewilligungen erteilt.

Die Hilfe zur Teilzeitarbeit soll Vollzeitbeschäftigte veranlassen, für eine bestimmte Dauer von bis zu einem Jahr auf eine Teilzeitstelle zu wechseln. In die so freiwerdende zweite Teilzeitstelle wird dann ein Arbeitsloser vermittelt. Die Nachfrage nach Hilfe zur Teilzeitarbeit ist bisher jedoch schwach; nur 4.600 Personen haben diesen Zuschuß erhalten.

8.1.5.8. Tabelle 10: Subventionierte Beschäftigung: Teilnehmerzahl und Budget

Jahr Personen % der Erwerbs- Budget
(Jahresmittel) bevölkerung (Mio. FIM)
1991 40.300 1,6 3.000
1992 52.100 2,1 4.200
1993 56.800 2,3 3.800
1994 66.400 2,7 3.800*
* Schätzung

8.1.5.9. Reform der Arbeitsmarktpolitik

Die Erfahrungen mit den Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik haben gezeigt, daß ein sehr formales und normengebundenes Subventionssystem mit genau gezielten Maßnahmen unter schnell wechselnden Arbeitsmarktbedingungen nicht effektiv arbeitet. Ein System mit streng konzentrierter Unterstützung kann leicht einen Teufelskreis bilden, in dem ständig neuartige Maßnahmen und Vorschriften erforderlich sind, um die von dem System geschaffenen Defekte zu beheben. Strenge Anspruchsvoraussetzungen schaffen Probleme für die Zielgruppen, und häufig werden aus dem jeweiligen Hilfsprogramm Sonderfälle ausgeschlossen, für die anschließend (noch enger definierte) neue Maßnahmen in die Wege geleitet werden müssen. In einer Situation schnell steigender und sich diversifizierender Arbeitslosigkeit nehmen dann Anzahl und Vielfalt der Hilfsprogramme oft rapide zu. Genau dies geschah in Finnland.

Ein neues Beschäftigungszuschußsystem, das sich durch neue, flexiblere Unterstützungsmaßnahmen auszeichnet, trat am 1. April 1995 in Kraft. Gemäß dem neuen System können jetzt Beschäftigungshilfen leichter mit anderen Maßnahmen wie Berufsbildung und Umschulung kombiniert werden. Der Zuschuß wird zunehmend als Teil eines Dienstleistungspakets eingesetzt, also nicht lediglich als separate Maßnahme. Die eng definierten und sehr streng gezielten Hilfsmaßnahmen sollen eingestellt werden. Auch wird die Höchstdauer der Förderzeiträume von früher sechs auf nunmehr zehn Monate verlängert.

Hingegen wurden die Bedingungen für an Firmen geleistete Lohnkostenzuschüsse beträchtlich verschärft. Eine Hilfe wird nur gewährt, falls die befristete Beschäftigung ein Ausbildungselement einschließt. Eine weitere Bedingung ist, daß die Firma nach Ablauf der Maßnahme den Arbeitslosen für einen die Bewilligungsdauer übersteigenden Zeitraum einstellt. Die Änderung zielt darauf, die Zahl der Einstellungen, besonders in KMU, zu erhöhen und die Firmen dazu zu bewegen, die Teilnehmer an sich zu binden. Ferner werden auf der Verwaltungsebene Anstrengungen unternommen, um die formalen Schranken und bürokratischen Komplikationen zu beseitigen, die den breiteren Gebrauch von Lehrverträgen beschränken und allgemeiner die Rekrutierung in KMU behindern.

Nach dem neuen Gesetz können außer Langzeitarbeitslosen (Personen, die seit mehr als 12 Monaten ohne Beschäftigung sind) auch andere Gruppen Anspruch auf Beihilfen haben. Allgemein hat der Ermessensspielraum der Arbeitsämter beim Treffen fallspezifischer und ,kundenfreundlicherer" Entscheidungen beträchtlich zugenommen. Die Reform wird zu Einsparungen von etwa 530 Mio. FIM führen.

8.1.6. Das finnische Arbeitslosenversicherungssystem

Arbeitslosengeld

Alle arbeitslosen, arbeitstauglichen Stellensuchenden zwischen 17 und 65 Jahren, die in Finnland ansässig sind, fallen unter den Schutz der Arbeitslosenversicherung. Der Arbeitsuchende muß dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, auf der Suche nach einer Ganztagsbeschäftigung sein, darf nicht in Arbeit oder Ausbildung stehen und muß in den letzten 24 Monaten mindestens 26 Wochen mit mindestens 18stündiger Wochenarbeitszeit beschäftigt gewesen sein.

Das Arbeitslosengeld wird nach einer Wartezeit von fünf Arbeitstagen gezahlt, und zwar für maximal 500 Tage innerhalb von vier aufeinanderfolgenden Kalenderjahren. Für erstmals in den Arbeitsmarkt Eingetretene beträgt die Wartezeit drei Monate. Der Leistungsempfänger erhält entweder den Tages-Basissatz oder eine lohnbezogene Leistung. Der volle Basissatz (gegenwärtig 118 FIM) wird allen Personen gezahlt, die finanzieller Hilfe bedürfen.

Arbeitslose, die Mitglied einer Arbeitslosenversicherungskasse sind, erhalten den Basissatz von 118 FIM und eine lohnbezogene Komponente. Letztere beträgt 42 % der Differenz zwischen dem Tagesverdienst des Betreffenden und dem Basissatz. Falls die Monatsvergütung höher als10.440 FIM ist, werden nur 20 % des diese Summe überschießenden Betrages gezahlt.

Die Kosten des Arbeitslosengelds werden gemeinsam von Arbeitgebern und Arbeitnehmern getragen. Die Arbeitgeber müssen einen Arbeitslosenversicherungsbeitrag zahlen, der gegenwärtig 2 % für die ersten 5 Mio. Finnmark der Lohnsumme und 6,1 % darüber hinaus beträgt. Der Arbeitnehmerbeitrag beläuft sich gegenwärtig auf 1,87 % der Arbeitsvergütung.

Arbeitslosenhilfe

Arbeitslosenhilfe wird Arbeitslosen, die keinen Anspruch auf reguläres Arbeitslosengeld haben, zur Bestreitung der Grundbedürfnisse der Lebenshaltung gezahlt, solange sie Arbeit suchen und an diversen Beschäftigungsprogrammen teilnehmen. Das System soll die Chancen des Empfängers auf Rückkehr in den Arbeitsmarkt fördern und steigern.

Alle in Finnland ansässigen Arbeitslosen, die zum erstenmal in den Arbeitsmarkt eintreten oder nach Ablauf der 500-Tage-Frist kein Arbeitslosengeld mehr beziehen, haben Anspruch auf Arbeitslosenhilfe. Anspruchsvoraussetzung ist, daß der Betreffende arbeitstauglich ist, zur Verfügung des Arbeitsmarktes steht und nach einer Vollzeitbeschäftigung sucht.

Die Arbeitsverwaltung kann für Empfänger von Arbeitslosenhilfe im Rahmen einschlägiger staatlicher Beschäftigungprogramme praktische Arbeit, Berufsbildungsmaßnahmen, Berufsberatung und Umschulung organisieren. Der Betrag der vollen Arbeitslosenhilfe entspricht der Höhe des Arbeitslosengeld-Basissatzes. Die einer im Haushalt der Eltern wohnenden Person gezahlte Arbeitslosenhilfe beträgt 60 % des Basissatzes. Gemäß den vom Staatsrat erlassenen Vorschriften kann bei Beziehern von Arbeitslosenhilfe die Bedürftigkeit geprüft werden.

Arbeitslosengeld und Arbeitslosenhilfe werden für fünf Tage pro Woche gezahlt und, wo angemessen (für Kinder unter 18 Jahren), durch einen Kinderzuschlag ergänzt.

8.1.7. Schlußbemerkungen

Der finnische Arbeitsmarkt befindet sich noch in einer Krise. Ein Abbau der hohen Arbeitslosenquote auf das europäische Durchschnittsniveau ist nur möglich, falls günstige Umstände mit angemessenen Politikmaßnahmen zusammentreffen. Erstens wird für den Rest dieses Jahrzehnts ein stetiges, starkes Wirtschaftswachstum von 5 % pro Jahr benötigt. Die Voraussetzungen für nachhaltiges und rasches Wachstum sind eine stabile makroökonomische Umwelt, niedrigere Zinssätze und mäßige Lohnabschlüsse, kontinuierliches Produktivitätswachstum sowie ein reduziertes Defizit im öffentlichen Sektor. Ferner müssen die Industriestrukturen regeneriert und mit flexiblen Netzwerken und intensiver Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteuren dynamisiert werden. Die Veränderung beruht auf Herstellung und Einsatz hoher Qualifikationen, was einerseits einen allgemeinen Anstieg des Bildungsstandes und andererseits eine schnellere Einführung neuer Technologien und Innovationen impliziert. Eine solide, wettbewerbsfähige industrielle Basis wird dann die Voraussetzungen für den Erfolg des Dienstleistungssektors schaffen.

Aktive Maßnahmen zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, zur Förderung von Strukturveränderungen und zur Erhöhung der Nachfrage nach Arbeitskräften reichen jedoch nicht aus, um befriedigende Beschäftigungsergebnisse zu erzielen. Es sind zusätzlich Maßnahmen zur Verbesserung der Funktionsweise des Arbeitsmarktes erforderlich. Der Kern der nationalen Beschäftigungsstrategie ist Wachstum auf der Grundlage hochqualifizierter Arbeitskräfte. Ihre zentralen Prinzipien sind:

l Verstärkung des nationalen Innovationssystems und Erhöhung des technologischen Niveaus. Es müssen Bildungsstrukturen und Systeme auf der Grundlage des Prinzips lebenslangen Lernens entwickelt werden. Die Fähigkeiten und Qualifikationen der neu in den Arbeitsmarkt Eintretenden, der Beschäftigten und der Arbeitslosen müssen verbessert werden, um den sich wandelnden Anforderungen des Arbeitslebens zu genügen. Es muß zunehmend Nachdruck auf Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten gelegt werden, und der Technologietransfer ist zu intensivieren.

l Förderung der Gründung neuer, arbeitsintensiver KMU und Stärkung ihrer Rolle. Dies erfordert eine allgemeine Veränderung der Unternehmenskultur und verstärkte Ausbildung für Unternehmer. Es müssen Systeme für die Unternehmensfinanzierung entwickelt werden, und die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen im Rahmen von Netzwerken ist zu fördern.

l Erhöhung der Arbeitsmarktflexibilität, Abschaffung von Einstellungsschranken und Einstellung von Arbeitslosen. Die Formen der Arbeitsorganisation und die Führungsmethoden müssen weiterentwickelt werden. Starre allgemeine Vorschriften über Arbeitszeit, Lohnkosten und Verteilung der Arbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen müssen flexibilisiert werden. Das Arbeitskräfteangebot ist zu reduzieren, z.B. durch Entwickeln von Urlaubssystemen für Ausbildung und Selbstentfaltung.

l Stärkung der Grundqualifikationen, besonders im Hinblick auf die Internationalisierung der Unternehmen. Sprachausbildung, die Kenntnis anderer Kulturen, die Berufsbildung in fremdsprachiger Umgebung sowie andere für die Internationalisierung des Arbeitslebens und die internationalen Beziehungen wichtige Arten der Ausbildung müssen auf allen Ebenen des Bildungswesens gefördert und entwickelt werden.

l Zunehmende Berücksichtigung von Umweltfragen bei allen Aktivitäten der Gesellschaft und der Unternehmen. Die Berücksichtigung der Prinzipien nachhaltiger Entwicklung erfordert neue Arten von Wissen und neue Entwicklungen der Produktionstechnologie und der Energieversorgungssysteme im Dienstleistungssektor, in der Planung von Gemeinwesen und in der Land- und Forstwirtschaft. Umweltfragen haben ein großes Beschäftigungspotential.

l Verbesserung des Anpassung zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt. Der auf der Volkswirtschaft lastende Kostensenkungsdruck, die hohe Nachfrage nach Dienstleistungen und die Veränderungen im Betätigungsumfeld erfordern eine Verbesserung der Arbeitsweise der Arbeitsverwaltung, so daß Verfügbarkeit, Qualität und Kundenorientierung der Dienste gesichert werden können. Verwaltungsverfahren und -inhalte müssen fortentwickelt werden.

l Verhinderung des Ausschlusses

vom Arbeitsmarkt. Um die Langzeitarbeitslosigkeit zu reduzieren, sind Systeme zur Erleichterung des Eintritts in den Arbeitsmarkt zu schaffen sowie solche, die den Ausschluß aus dem Arbeitsmarkt verhindern. Auch für diese Zielgruppen ist die Entwicklung von beruflichen Fähigkeiten, Qualifikationen und Arbeitsmarktfertigkeiten die Kernstrategie. Statt sich auf ,passive" Arbeitslosengeldzahlungen zu verlassen, sind aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen im Bereich der Arbeitsplatzschaffung und und Berufsbildung zu verstärken, ebenso die kundenorientierten Dienstleistungen und die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Ämtern.

8.1.8. Quellen

Julkunen, R. & J. Nätti (1995): Muuttuvat työajat ja työsuhteet. Työministeriön työaikamuotojen tutkimus- ja kehittämisprojektin I vaihe. Helsinki: työministeriö, työpoliittiinen tutkimus 104.

Kairinen, M. (1994): Local-level Bargaining in Finland. Finnish Work Research Bulletin 2a. Helsinki.

Ministry of Labour (1994): The Finnish Labour Legislation. Helsinki.

Ministry of Labour (1995): European Social Fund. Single Programming Document, Objective 3, 1995 - 1999, Finland. Helsinki.

Ministry of Labour (1995): European Social Fund. Single Programming Document, Objective 4, 1995 - 1999, Finland. Helsinki.

National Industrial Strategy for Finland (1993). Helsinki: Ministry of Trade and Industry.

Presidential Working Group on Employment (1994): Unemployment Down to 200,000. Helsinki: Ministry of Labour.

Vuori, S. & P. Vuorinen (1994): Explaining Technical Change in a Small Country - The Finnish National Innovation System. Heidelberg: Physica Verlag.


Zurück  |  Seitenanfang  |   Was gibt’s Neues?  |  Über das EEO  |  Europäische Beschäftigungsstrategie  |  Nationale ArbeitsmarktpolitikenPublikationen  |  Weitere Links  |  Suche  |  Kontakt  |  Home page


EU – Europäische Kommission DG EMPL/A/2 J II 27,
Rue de la Loi 200, B-1049 Brussels – Belgien
GHK Consulting Ltd

30 St. Paul's Square, Birmingham. B3 1QZ
E-mail:
eeo@ghkint.com