Einführung  |  Basisinformationsberichte InfoMISEP Reports 

NATIONALE ARBEITSMARKTPOLITIKEN

InforMISEP Maßnahmen

Selbständigkeit: Beschäftigungsdynamik in der Europäischen Union
Zum vorangegangenen Thema Dokument auswählen Zur ERSEP Home page

Selbständigkeit: Beschäftigungsdynamik in der Europäischen Union


Thomas Kruppe, Heidi Oschmiansky & Klaus Schömann

10.1.1. Einleitung

Vor dem Hintergrund anhaltender Massenarbeitslosigkeit wird in der beschäftigungspolitischen Debatte die selbständige Erwerbsarbeit als Hoffnungsträger für zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten angesehen. So plädierte schon 1993 die Europäische Kommission in ihrem Weißbuch für eine stärkere Förderung von kleinen und mittleren Unternehmen, da diese mehr als zwei Drittel der Arbeitsplätze stellen und als wichtige potentielle Quelle zusätzlicher Arbeitsplätze gelten (Europäische Kommission 1993). In den meisten Mitgliedstaaten der Europäischen Union wird zudem die selbständige Erwerbstätigkeit als unmittelbare Beschäftigungsmöglichkeit für Arbeitslose gefördert (Europäische Kommission 1995). Eine solche Förderung kann darüber hinaus Multiplikationseffekte erzielen, wenn die Geförderten weitere MitarbeiterInnen einstellen und so den Arbeitsmarkt zusätzlich entlasten. Weitere positive Effekte der Selbständigkeit sieht die OECD (1992) in der Mobilisierung der Angebotsseite des Arbeitsmarktes. Nach einem Arbeitsplatzverlust bleibt durch den Übergang in Selbständigkeit der Kontakt zum Arbeitsmarkt erhalten. Zudem kann Selbständigkeit eine Brücke zurück in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis und damit ein Übergangsarbeitsmarkt mit Strömen in beide Richtungen sein (Schmid 1993).

Der vorliegende Beitrag knüpft direkt an die Analyse der Beschäftigungsdynamik in der EU an (vgl. dazu Schömann & Kruppe 1996; Schömann, Kruppe & Oschmiansky 1998). Wie bereits dort eingehend begründet, reicht der Vergleich von Niveauänderungen, die sich zu einem bestimmten Jahresstichtag ergeben (Bestandsdaten) nicht aus, um die Dynamik des Arbeitsmarktes zu erfassen. Deshalb analysieren wir hier neben Niveaus auch die Zu- und Abströme in und aus selbständige(r) Beschäftigung; diese aggregierten Stromgrößen (die Summe von individuellen Mobilitätsprozessen im Jahresverlauf) ermöglichen die Analyse der für die Bestandsänderungen ausschlaggebenden Faktoren.

Diese Analysen beruhen auf Daten der Europäischen Arbeitskräftestichprobe (EAS), die zwischen abhängig Beschäftigten, mithelfenden Familienangehörigen und Selbständigen unterscheidet. Sie enthält Informationen über Zuströme in Selbständigkeit aus abhängiger Beschäftigung, Arbeitslosigkeit und Inaktivität, aber keine Informationen über die Abströme aus Selbständigkeit in Arbeitslosigkeit und Inaktivität.

10.1.2. Die Entwicklung der Selbständigkeit in der EU

Die selbständige Erwerbstätigkeit hat sich in den vergangenen Jahren in den EU-Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich entwickelt. Abbildungen 1 und 2 stellen die prozentuale Veränderung der Zahl der Selbständigen von 1983 bis 1995 dar. In den in Abbildung 1 aufgeführten Ländern hat die Zahl der Selbständigen seit 1985 (bzw. 1986) zugenommen. Dabei weisen die Niederlande die höchste Zuwachsrate (65%) auf, gefolgt von Deutschland (38%). Im Vereinigten Königreich ist die Zahl der Selbständigen nach 1991 stark zurückgegangen, seit 1994 steigt sie wieder leicht. In anderen Ländern (Abbildung 2) ist hingegen keine kontinuierliche Zunahme selbständiger Beschäftigung erfolgt. Lediglich in Belgien und Portugal ist die Zahl 1995 geringfügig höher als 1985 bzw. 1986. Den stärksten Rückgang weisen Dänemark und Frankreich mit 13% bzw. 5% auf.

Ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, vermittelt durch gesetzliche und institutionelle Regulierungen1, kann die Selbständigenentwicklung beeinflussen (Meager 1992, 1996; OECD 1992; Europäische Kommission 1995; Acs, Audretsch & Evans 1992):

  • - Konjunkturzyklus: Rezessions- und Wachstumsphasen können zu einer Zu- oder Abnahme der Zahl der Selbständigen beitragen. So sind z.B. in Rezessionsphasen beide Entwicklungen denkbar: Infolge von Arbeitslosigkeit und mangelnden Beschäftigungsalternativen wechseln mehr Menschen in Selbständigkeit. Andererseits sind Kleinstunternehmen aufgrund mangelnder finanzieller Reserven in der Regel von Rezessionsphasen stärker betroffen, mit der Folge vermehrter Unternehmensschließungen.
  • - Strukturwandel: In vielen EU-Mitgliedstaaten hat der Anstieg der Beschäftigung im Dienstleistungssektor den Arbeitsplatzverlust im Landwirtschaftssektor in den achtziger Jahren überwogen und somit per Saldo zu einer Zunahme der selbständigen Erwerbstätigkeit beigetragen.
  • - Veränderte Arbeitgeberpolitik: Die Zunahme von Franchising und verstärkte firmenexterne Auftragsvergabe bei Dienstleistungen führen zu einem Anstieg der selbständigen Erwerbsarbeit.
  • - Arbeitsmarktpolitik: In den meisten EU-Mitgliedstaaten werden Arbeitslose gefördert, die sich selbständig machen wollen (vgl. weiter unten).
  • - Technologische Entwicklung: Sie ermöglicht die Gründung von Kleinstunternehmen bereits mit nur geringer Kapitalausstattung.
  • - Alterung der Bevölkerung: erhöht die Selbständigenrate tendenziell.

    10.1.3. Abbildung 1: Entwicklung der Selbständigkeit in der EU, 1983-1995 (1985 = 100%)

    10.1.4. Abbildung 2: Entwicklung der Selbständigkeit in der EU, 1983-1995 (1985 = 100%)

    10.1.5. Selbständigenraten in der EU 1995

    Die Bedeutung, die selbständige Erwerbstätigkeit in den einzelnen EU-Mitgliedstaaten hat, läßt sich in Form von Selbständigenraten vergleichen.

    Die übliche Definition (vgl. Europäische Kommission 1995; OECD 1992; Meager 1993; Bögenhold & Staber 1990) bezieht die Zahl der Selbständigen auf die Gesamtbeschäftigung (vgl. Abbildung 3: linke Säulen). 1995 liegt die Selbständigenrate EU-weit bei gut 15%. Der Unterschied zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten ist jedoch beträchtlich. Hohe Selbständigenraten weisen vor allem die südlichen Mitgliedstaaten und Irland auf, wobei Griechenland mit einem Anteil von 38,5% an der Spitze steht. In Dänemark und Deutschland hingegen liegt der Anteil der Selbständigen an der Gesamtzahl der Beschäftigten unter 10%. Die hohen Selbständigenraten in Irland und den südlichen Mitgliedstaaten sind zum Teil auf den Umfang der Beschäftigung in der Landwirtschaft zurückzuführen. Ohne die Selbständigen in diesem Sektor (vgl. Abbildung 3: mittlere Säulen) zeigt sich zwar in allen Ländern eine Niveauverschiebung, die sechs höchsten Raten weisen dennoch die selben Länder (mit nur geringen Änderungen in ihrer Reihenfolge) auf, wozu unter anderem der vergleichsweise hohe Anteil an Kleinst-Gewerbeunternehmen beiträgt (Wiethölter & Bogai 1997).

    Diese Definition der Selbständigenrate läßt jedoch nationale Unterschiede in der Erwerbsbeteiligung und Arbeitslosigkeit außer Betracht. Eine Alternativdefinition, die darauf basierende mögliche Verzerrung vermindert und daher für Ländervergleiche besser geeignet erscheint, bezieht die Zahl der Selbständigen auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter (15-64 Jahre) (vgl. Abbildung 3, rechte Säulen). Auch nach dieser Definition weisen die drei südlichen Mitgliedstaaten und Irland mit 10 bis 20% die höchsten Selbständigenraten auf, während in den übrigen Mitgliedstaaten zwischen ca. 6 bis 9% der Personen im erwerbsfähigen Alter selbständig sind. Nach dieser Definition haben Schweden und Dänemark - also Länder mit einer hohen Erwerbsbeteiligung - ihre Position in der Rangfolge der EU-Mitgliedstaaten hinsichtlich der Höhe der Selbständigenraten "verbessert". Andererseits hat sich hier die Position von Belgien, das eine eher niedrige Erwerbsbeteiligung aufweist, kaum verändert.

    Selbständigenraten lassen zwar Aussagen über das Niveau selbständiger Erwerbsarbeit zu; um Erkenntnisse über die Stabilität dieser Beschäftigungsverhältnisse zu gewinnen, sind sie jedoch ungeeignet. So kann z.B. die Selbständigenrate in einem Land über Jahre konstant bleiben, weil es weder Zu- noch Abgänge in und aus Selbständigkeit gibt, sich also die Selbständigen fest etabliert haben. Die Selbständigenrate bleibt aber auch konstant, wenn hohe, vom Umfang her gleich große Ströme in und aus Selbständigkeit erfolgen.

    10.1.6. Abbildung 3: Selbständigenraten in der EU, 1995

    10.1.7. Zu- und Abströme in und aus Selbständigkeit

    In Abbildung 4 sind die Zugänge den Abgängen aus Selbständigkeit für 1995 gegenübergestellt. Da für die meisten Mitgliedsländer sowohl Daten über die Gesamtzugänge in Selbständigkeit als auch über Niveauveränderungen der Selbständigenzahl für zwei aufeinanderfolgende Jahre vorliegen, lassen sich daraus die Abgänge aus Selbständigkeit errechnen.

    1995 waren in den meisten EU-Mitgliedstaaten die Zugänge in Selbständigkeit - zum Teil erheblich - höher waren als die Abgänge, beispielsweise in den Niederlanden, in Irland und im Vereinigten Königreich. Lediglich in Griechenland und geringfügig in Frankreich haben die Abgänge die Zugänge überwogen. Damit könnte sich EU-weit eine Trendumkehr andeuten, da in den vergangenen vier Jahren im EU-Durchschnitt (ohne Italien) die Abgänge aus Selbständigkeit höher waren als die Zugänge. Lediglich in Deutschland (ohne die neuen Bundesländer), Luxemburg, den Niederlanden und geringfügig in Griechenland überwogen die Zugänge in diesem Zeitraum die Abgänge (vgl. Europäische Kommission 1995). Allerdings waren 1995 in mehreren EU-Mitgliedstaaten die Zugangsraten in Selbständigkeit im Vergleich zum Zeitraum 1990 bis 1994 wesentlich geringer: So wiesen z.B. von 1990 bis 1994 vier Länder (Portugal, Vereinigtes Königreich, Deutschland, Niederlande) Zugangsraten von etwa 15% und mehr auf; 1995 zeigte sich nur noch in Deutschland eine ähnlich hohe Zugangsrate (ca. 16%).

    Anhand der Analyse der Zu- und Abgänge läßt sich die in Abbildungen 1 und 2 dargestellte Entwicklung der Selbständigkeit in den EU-Mitgliedstaaten noch differenzierter beschreiben. Die Zahl der Selbständigen hat in den Niederlanden und Deutschland seit 1985 stetig zugenommen. In den Niederlanden wurde dies vor allem durch eine Abnahme der Abgangsrate verursacht: Betrug von 1987 bis 1990 die Differenz zwischen Zu- und Abgangsrate noch etwa 2 Prozentpunkte, so wuchs diese Differenz von 1990 bis 1994 auf etwa 6 Prozentpunkte an. 1995 war die Abgangsrate in den Niederlanden etwa 4 Prozentpunkte niedriger als die Zugangsrate. Dagegen läßt sich in Deutschland die Zunahme bei der Zahl der Selbständigen auf eine Steigerung der Zugänge in Selbständigkeit zurückführen. Die Zugänge in Selbständigkeit waren hier seit 1987 nur etwas höher als die Abgänge. Aber während sich die Zugänge von 1987 bis 1990 auf etwa 10% beliefen, stiegen sie 1990 bis 1994 auf etwa 20% an und betrugen 1995 etwa 16%.

    In Irland und Luxemburg haben hingegen Zugangsraten, die im EU-Vergleich relativ niedrig waren, zu einer positiven und relativ kontinuierlichen Entwicklung der Selbständigkeit geführt, da sie immer noch höher als die Abgangsraten sind. Im Vereinigten Königreich, sind die überdurchschnittlich hohen Zugangsraten in den Jahren 1991 bis 1993 von den Abgangsrate übertroffen worden, so daß in diesem Zeitraum die Zahl der Selbständigen sank.

    10.1.8. Abbildung 4: Zu- und Abgänge bei Selbständigen, 1995

    10.1.9. Bilanz der Übergänge zwischen abhängiger Beschäftigung und selbständiger Erwerbstätigkeit

    In Tabelle 1 sind die Ströme zwischen abhängiger Beschäftigung und selbständiger Erwerbstätigkeit in den EU-Mitgliedstaaten für 1992 und 1995 dargestellt (ohne Dänemark und Schweden; Finnland und Österreich nur 1995). Die ersten vier Spalten (1 bis 4) beziehen sich auf die Gesamtströme in und aus abhängiger Beschäftigung, also auf alle Übergänge zwischen abhängiger Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, Selbständigkeit, Inaktivität und Ausbildung. In den nächsten vier Spalten (5 bis 8) sind die Teilströme zwischen abhängiger Beschäftigung und selbständiger Erwerbstätigkeit, deren Summe und Differenz aufgelistet. Letztere (Spalte 8) ist folgendermaßen zu lesen: Ein negativer Wert bedeutet, daß mehr Personen aus abhängiger Beschäftigung in Selbständigkeit wechselten als daraus in abhängige Beschäftigung abgingen; ein positiver Wert bedeutet, daß mehr Personen aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung wechselten als umgekehrt.

    Sowohl 1992 als auch 1995 waren in den meisten EU-Mitgliedstaaten die Abgänge aus abhängiger Beschäftigung in Selbständigkeit höher als die Zugänge aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung. 1992 wechselten nur in Italien mehr Personen aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung als umgekehrt, während in Irland und den Niederlanden beide Ströme in diesem Jahr in etwa gleich groß waren. Drei Jahre später waren dagegen in Finnland und Irland die Ströme aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung größer als in die entgegengesetzte Richtung. Während in den meisten EU-Mitgliedsländern von 1992 bis 1995 die Ströme aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung leicht gesunken sind, stiegen sie in Luxemburg, im Vereinigten Königreich und vor allem in Irland.

    In Spalte 9 der Tabelle 1 ist der Anteil der Zugänge aus Selbständigkeit an allen Zugängen in abhängige Beschäftigung aufgeführt. Es zeigt sich, daß dieser Übergang generell in allen EU-Mitgliedsländern eher eine geringe Bedeutung hat. So war 1995 in den drei Mitgliedsländern mit den höchsten Anteilen (Österreich, Italien, Portugal) lediglich etwa jede zehnte Person, die in abhängige Beschäftigung wechselte, ein Jahr zuvor selbständig. Von 1992 bis 1995 ist zudem dieser Anteil in den meisten EU-Mitgliedsländern noch gesunken.

    Dennoch dürfte 1995 der Übergang von Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung vor allem in Österreich zu der positiven Gesamtbeschäftigungsbilanz (Tabelle 1, Spalte 4) beigetragen haben. Obgleich Griechenland 1995 einen durchschnittlich hohen Anteil und Portugal sogar EU-weit den höchsten Anteil an Zugängen aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung aufwies, blieb die Gesamtbeschäftigungsbilanz in diesen Ländern negativ.

    Beschäftigungspolitisch lassen sich diese Entwicklungen nur mit Vorsicht interpretieren, da eine Zunahme der Ströme aus abhängiger Beschäftigung in Selbständigkeit neben langfristigen sektoralen Veränderungen2 auch mit Verdrängungseffekten verbunden sein kann.3 Infolge veränderter Arbeitgeberstrategien (Stichwort: "Subcontracting", "Franchising") dürfte ein Teil der Selbständigen, die vorher abhängig beschäftigt waren, dieselbe Tätigkeit wie zuvor ausüben (vgl. auch Europäische Kommission 1995). In diesem Zusammenhang sind auch die Scheinselbständigen zu nennen, die zwar wesentliche Merkmale abhängiger Erwerbstätigkeit aufweisen - ausschließliche oder überwiegende Tätigkeit für nur einen einzigen Auftraggeber -, jedoch keine Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen leisten (Wiethölter & Bogai 1997). Aus den vorhandenen Eurostat-Daten ist nicht zu schließen, welche Bedeutung Scheinselbständigkeit in den EU-Mitgliedstaaten hat. Auch liegen bisher keine Untersuchungen über die Dynamik der Scheinselbständigkeit vor. Wir vermuten, daß Scheinselbständigkeit jetzt auch in Branchen auftaucht, in denen sie früher unbekannt war oder in neuen Branchen (Hanke 1996).

    10.1.10. Tabelle 1: Bilanz der Übergänge in und aus Beschäftigung (in %)

    Gesamtströme in und aus abhängiger Ströme zwischen abhängiger Beschäftigung
    Beschäftigung (a) und Selbständigkeit (b)
    Zustrom Abstrom Summe Differenz Zustrom Abstrom Summe Differenz Anteil Anteil
    in abhän- aus abhän- (1+2) (1-2) in abhän- aus abhän- (5+6) (5+6) Zustrom (b) Abstrom (b)
    gige Be- giger Be- gige Be- giger Be- an Zustrom an Abstrom
    schäftigung schäftigung schäftigung schäftigung (a) (a)
    (Spalte 5 / (Spalte 6 /
    Spalte 1 Spalte 2
    x 100) x 100)
    1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
    1992
    B 5,3 5,9 11,2 -0,6 0,2 0,5 0,7 -0,3 4,3 8,5
    D 7,2 9,5 16,7 -2,3 0,6 1,0 1,6 -0,4 8,3 10,0
    E 15,7 14,2 29,9 1,5 0,6 1,0 1,5 -0,4 3,6 6,7
    F 9,9 10,1 20,0 -0,2 0,6 0,8 1,4 -0,2 5,6 8,0
    G 8,3 10,0 18,3 -1,7 0,8 1,2 2,0 -0,5 9,5 12,3
    IRL 10,3 9,9 20,2 0,4 0,5 0,5 1,0 0,0 5,0 5,4
    I 12,3 10,5 22,7 1,8 1,7 1,7 3,4 0,1 14,0 15,8
    L 5,3 4,7 10,0 0,6 0,3 0,5 0,8 -0,2 5,9 10,4
    NL 10,2 8,1 18,4 2,1 0,5 0,4 0,9 0,0 4,6 5,4
    P 8,1 7,6 15,7 0,5 1,0 1,4 2,4 -0,3 12,9 17,8
    UK 9,8 11,5 21,3 -1,7 0,5 1,1 1,6 -0,6 5,0 9,9
    1995
    A 11,0 6,8 17,8 4,1 1,2 1,4 2,6 -0,2 11,0 20,0
    B 5,8 6,8 12,6 -1,0 0,2 0,4 0,6 -0,2 3,7 6,2
    D 8,5 7,8 16,3 0,7 0,6 1,4 2,0 -0,8 6,9 17,6
    E 17,0 12,2 29,3 4,8 0,5 0,9 1,4 -0,4 3,0 7,0
    FIN 14,7 12,2 26,9 2,6 0,3 0,0 0,3 0,2 1,7 0,4
    F 11,0 9,2 20,1 1,8 0,4 0,7 1,0 -0,3 3,2 7,4
    GR 8,3 10,3 18,6 -2,0 0,6 1,1 1,6 -0,5 6,7 10,2
    IRL 13,0 7,5 20,5 5,6 0,8 0,7 1,5 0,1 6,3 9,4
    I 13,0 10,6 23,6 2,4 1,4 1,8 3,1 -0,4 10,4 16,8
    L 5,7 5,1 10,9 0,6 0,4 0,4 0,8 -0,1 6,4 8,7
    NL 9,5 9,2 18,6 0,3 0,3 0,6 0,9 -0,4 2,7 6,7
    P 8,3 8,7 17,0 -0,4 0,9 1,7 2,7 -0,8 11,5 20,1
    UK 10,9 8,8 19,7 2,2 0,6 1,1 1,7 -0,4 5,8 12,0
    Quellen: Eurostat; eigene Berechnungen.

    10.1.11. Erwerbsstatus nach Beendigung von Selbständigkeit

    Der Anteil der Übergänge aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung an allen Übergängen aus Selbständigkeit in neun EU-Mitgliedstaaten ist in Abbildung 5 dargestellt. Zwar konnte 1995 noch in fünf der neun EU-Mitgliedstaaten mehr als jede dritte Person nach Beendigung einer selbständigen Erwerbstätigkeit direkt in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis wechseln - so in Belgien, Portugal, Italien, im Vereinigten Königreich und Deutschland -, doch ist in den meisten der hier betrachteten Mitgliedsländer - mit Ausnahme Belgiens und Portugals - der Anteil der Übergänge in abhängige Beschäftigung von 1989 zu 1995 gesunken. Dabei weisen die meisten dieser Länder das gleiche zeitliche Veränderungsmuster auf: Von 1989 zu 1993 sank der Anteil der Übergänge in abhängige Beschäftigung; von 1993 zu 1995 stieg er wieder an, ohne jedoch das Niveau von 1989 zu erreichen. In Griechenland und besonders ausgeprägt in Deutschland ist hingegen eine kontinuierliche Abnahme zu verzeichnen. Es fällt auf, daß gerade in Deutschland, den Niederlanden und im Vereinigten Königreich die Anteile der Übergänge in abhängige Beschäftigung von 1989 bis 1995 am stärksten zurückgingen, also in den Ländern, die die höchsten Zuwachsraten bei der Zahl der Selbständigen bis 1995 hatten (vgl. Abbildungen 1 und 2).

    Anders hat sich dagegen das Übergangsgeschehen aus Selbständigkeit in Portugal entwickelt: 1995 wechselte fast jede zweite Person, die eine selbständige Erwerbstätigkeit aufgab, in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis. Der in Frankreich, Spanien und Griechenland durchweg eher geringe Anteil der Übergänge in abhängige Beschäftigung dürfte vor allem auf die hohen - vermutlich altersbedingten - Übergänge in Inaktivität zurückzuführen sein. So wechselten 1989 in diesen Ländern zwischen gut 55 und fast 60% der Personen - inklusive der mithelfenden Familienangehörigen - aus Selbständigkeit in Inaktivität (OECD 1992). Nur in Portugal wurde 1989 eine ähnlich hohe Übergangsrate in Inaktivität (62,2%) erreicht. Auch hieran wird deutlich, daß sich in Portugal im Bereich der selbständigen Erwerbstätigkeit seit 1989 wesentliche Veränderungen ergeben haben.

    10.1.12. Abbildung 5: Übergänge aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung

    10.1.13. Erwerbsstatus vor dem Übergang in Selbständigkeit

    Das Zugangsgeschehen in Selbständigkeit kann aus beschäftigungspolitischer Sicht unterschiedlich eingeschätzt werden. Untersuchungen haben gezeigt, daß die Überlebenschancen neugegründeter Unternehmen bei Personen, die aus abhängiger Beschäftigung in Selbständigkeit wechseln, höher sind als bei Personen, die ein Jahr zuvor nicht gearbeitet haben (vgl. OECD 1992). Andererseits ist mit einem Wechsel aus abhängiger Beschäftigung in Selbständigkeit - wie oben bereits angeführt - nicht zwangsläufig eine Zunahme des allgemeinen Beschäftigungsvolumens verbunden. Dagegen führen Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Selbständigkeit zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit; Übergänge aus Inaktivität in Selbständigkeit erhöhen die Erwerbsbeteiligung.

    In den meisten EU-Mitgliedstaaten ist die abhängige Beschäftigung die größte Quelle für die Ströme in Selbständigkeit. 1992 und 1995 waren im EU-Durchschnitt fast 60%, in Luxemburg, Portugal, Österreich und Deutschland sogar mehr als zwei Drittel der Personen, die eine selbständige Erwerbstätigkeit aufnahmen, ein Jahr zuvor abhängig beschäftigtgewesen. Während in den meisten EU-Mitgliedstaaten der Anteil der Übergänge aus abhängiger Beschäftigung von 1989 bis 1995 zunahm, sank er in diesem Zeitraum in den Niederlanden, in Portugal und im Vereinigten Königreich.

    Dagegen gingen in allen EU-Mitgliedstaaten - mit Ausnahme der Niederlande - die Zugänge in Selbständigkeit aus Inaktivität (vgl. Abbildung 6) von 1989 bis 1995 anteilmäßig zurück. In den Niederlanden war nach einem Anstieg von 1989 bis 1992 auf gut 53% von 1992 bis 1995 ein Rückgang auf immer noch gut 46% zu verzeichnen. 1995 kam in Finnland und Italien den Zugängen aus Inaktivität mit 33% bzw. 31% ebenfalls große Bedeutung zu. In den Niederlanden dürfte der hohe Anteil der Zugänge aus Inaktivität in Selbständigkeit durch das (arbeitsmarktpolitische) Starthilfeprogramm für Selbständige mitbedingt sein, das neben den Beziehern von Arbeitslosenunterstützung auch Personen offensteht, die andere Sozialleistungen erhalten (BIB [= Basisinformationsbericht] Niederlande). Auch in Italien spielt hier die arbeitsmarktpolitische Existenzgründungsförderung eine wichtige Rolle. Mit arbeitsmarktpolitischen Programmen wird besonders die Unternehmensgründung von Frauen und Jugendlichen4 gefördert, von denen ein Großteil zuvor nicht erwerbstätig gewesen sein dürfte.5 Aber auch die hohe Bedeutung, die in Italien die selbständige Tätigkeit generell für Frauen hat - fast 17% der erwerbstätigen Frauen übten 1995 eine selbständige Tätigkeit aus, im EU-Durchschnitt waren es lediglich 9,4% (Eurostat 1995) -, könnte mit dazu beigetragen haben.

    Bei den Zugängen aus Arbeitslosigkeit (vgl. Abbildung 6) ist die überdurchschnittlich hohe Rate in Finnland besonders auffällig. Fast 60% der Personen waren hier ein Jahr zuvor arbeitslos gewesen, bevor sie 1995 in Selbständigkeit wechselten. Die sehr hohe Arbeitslosenquote6 in Finnland - auch infolge des Zusammenbruchs der Handelsbeziehungen mit der ehemaligen UdSSR - dürfte das Übergangsgeschehen in Selbständigkeit wesentlich beeinflußt haben. Aber auch die Existenzgründungsförderung für Arbeitslose ist in Finnland entsprechend erweitert worden: Allein von 1992 zu 1994 wurde die Mittelausstattung auf 290 Mio. FIM fast verdoppelt (vgl. entsprechende BIB).

    Mit Ausnahme von Irland und den Niederlanden stieg von 1989 zu 1995 in allen hier dargestellten EU-Mitgliedstaaten der Anteil der Zugänge aus Arbeitslosigkeit. Während in Griechenland, Luxemburg, Portugal und im Vereinigten Königreich eine relativ kontinuierliche Zunahme zu verzeichnen war, zeigte sich in den übrigen Mitgliedsländern, für die Daten über die drei Beobachtungsjahre vorhanden sind, das gleiche zeitliche Veränderungsmuster: In Belgien, Spanien, Frankreich, Irland, Italien und - bedingt - in den Niederlanden sank der Anteil von 1989 zu 1992 und stieg bis 1995 wieder an. Interessant ist dabei, daß in der Mehrzahl dieser Länder von 1989 zu 1992 auch die Arbeitslosigkeit zurückging. Nur in Spanien und Frankreich stieg in diesem Zeitraum die Arbeitslosenquote geringfügig. Während in Belgien, Irland, Italien und den Niederlanden offenbar auch die sinkende Arbeitslosigkeit zu einem Rückgang der Zugänge aus Arbeitslosigkeit in Selbständigkeit beitrug, war dies in Spanien wesentlich durch die eingeschränkte Existenzgründungsförderung für Arbeitslose mitbedingt, da die Zahl der Leistungsempfänger hier im Zeitraum von 1990 bis 1992 um fast ein Fünftel zurückging (vgl. entsprechende BIB). Auch in Frankreich läßt sich der Anstieg der Zugänge aus Arbeitslosigkeit von 1992 zu 1995 zum Teil auf die Existenzgründungsförderung für Arbeitslose zurückführen; in diesem Zeitraum wurde die finanzielle Ausstattung dieses Programmes deutlich ausgeweitet (vgl. Tabelle 2) und dürfte somit eine erhöhte Nachfrage bewirkt haben.

    Zwar zeigt sich von 1989 bis 1995 nur in fünf der zwölf EU-Mitgliedsländer eine zeitlich parallele Entwicklung bei den Zugängen aus Arbeitslosigkeit in Selbständigkeit und der Arbeitslosenquote, so in Belgien, Griechenland, Italien, Luxemburg und - nur sehr bedingt - in den Niederlanden, doch dürften ökonomische Rahmenbedingungen, insbesondere die zunehmende Arbeitslosigkeit, nicht unwesentlich zur Entwicklung der Selbständigkeit in der EU beigetragen haben. Vor allem die Tatsache, daß es über den Beobachtungszeitraum in den meisten EU-Mitgliedsländern zunehmend weniger Personen gelingt, nach Beendigung einer selbständigen Erwerbstätigkeit eine abhängige Beschäftigung zu finden, scheint dies zu bestätigen. Aber auch der bis 1995 in den meisten Ländern steigende Anteil der Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Selbständigkeit dürfte darauf zurückzuführen sein, daß nicht wenige Arbeitslose in der Aufnahme einer selbständigen Erwerbstätigkeit die einzige Alternative zur Arbeitslosigkeit gesehen haben. Zudem haben viele Mitgliedsländer mit zunehmender Arbeitslosigkeit während der jüngsten Rezession ihre Existenzgründungsförderung für Arbeitslose ausgeweitet (Europäische Kommission 1995).

    Der sich ebenfalls in fast allen EU-Ländern zeigende Rückgang des Anteils der Inaktiven, die in Selbständigkeit wechseln, könnte konjunkturell mitbedingt sein. Es scheint plausibel, daß eine Verschlechterung der ökonomischen Rahmenbedingungen bei einem Teil der Inaktiven dazu geführt hat, daß sie die Entscheidung, sich selbständig zu machen, verschieben oder ganz aufgeben (Meager 1992). Selbst bei der sich - in der Mehrheit der EU-Mitgliedsländer - zeigenden Zunahme des Anteils abhängig Beschäftigter, die eine selbständige Erwerbstätigkeit aufnehmen, können arbeitsmarktbedingte Gründe nicht ausgeschlossen werden. Denkbar ist, daß drohende Arbeitslosigkeit den Übergang aus abhängiger Beschäftigung in Selbständigkeit forciert. Andererseits kann eine Verschlechterung der ökonomischen Rahmenbedingungen gerade diejenigen der bisher abhängig Beschäftigten abschrecken, die eigentlich eine selbständige Erwerbstätigkeit favorisieren (Meager 1992). Bei diesen hier skizzierten Zusammenhängen muß daher berücksichtigt werden, daß es sich bei den Selbständigen keineswegs um eine homogene Gruppe handelt. Entsprechend unterschiedlich reagieren Personen auf ökonomische Rahmenbedingungen.

    Beschäftigungspolitisch interessant ist auch ein Vergleich des Erwerbsstatus vor Selbständigkeit und nach deren Beendigung 1995. In Deutschland waren etwa vier Fünftel der Personen vor dem Zugang in Selbständigkeit abhängig beschäftigt gewesen. Jedoch gelang es von denjenigen, die ihre selbständige Tätigkeit beendeten, nur jedem Dritten, aus Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung (zurück-)zuwechseln. In Portugal waren hingegen vor dem Eintritt in Selbständigkeit nahezu 30% ein Jahr zuvor arbeitslos oder nicht erwerbstätig gewesen, aber fast die Hälfte der Personen, die ihre selbständige Erwerbstätigkeit beendeten, fand bis zum darauffolgenden Jahr wieder eine reguläre abhängige Beschäftigung. Übergangsarbeitsmärkte müssen also idealerweise so beschaffen sein, daß sowohl die Brücke in Selbständigkeit arbeitsmarktpolitisch solide konstruiert als auch eine realistische Rückkehroption in abhängige Beschäftigung eröffnet wird.

    10.1.14. Abbildung 6: Erwerbsstatus vor dem Übergang in Selbständigkeit, jeweils 1989, 1992 und 1995

    10.1.15. Existenzförderung für Arbeitslose

    Mit der arbeitsmarktpolitischen Existenzgründungsförderung wird einigen Arbeitslosen eine Alternative zur Arbeitslosigkeit eröffnet. Zudem können mit der Förderung Multiplikationseffekte erzielt werden, wenn die Geförderten weitere MitarbeiterInnen einstellen. Bereits in den achtziger Jahren konnten in den EU-Mitgliedstaaten - mit Ausnahme von Italien, Luxemburg, den Niederlanden und Österreich - Arbeitslose ihre Arbeitslosenunterstützung weiter beziehen, wenn sie sich selbständig machten (Europäische Kommission 1995). Mit steigender Arbeitslosigkeit hat die Förderung der Selbständigkeit als Beschäftigungsmöglichkeit für Arbeitslose seit Beginn der neunziger Jahre in fast allen EU-Ländern zunehmende Bedeutung gewonnen. Neue Programme wurden aufgelegt, bereits existierende Programme finanziell ausgeweitet und/oder hinsichtlich der Konditionen verbessert.7

    In Tabelle 2 ist jedoch erkennbar, daß die Existenzgründungsprogramme in den hier dargestellten EU-Mitgliedsländern nur für einen sehr kleinen Kreis von Personen Bedeutung haben. Die Ausgaben zur Förderung der selbständigen Tätigkeit ehemals Arbeitsloser an den arbeitsmarktpolitischen Gesamtausgaben haben ebenfalls einen sehr geringen Anteil.

    Diese Angaben lassen nur vorsichtige Schlüsse zu. Zum einen können die Ausgaben für Existenzgründungsförderung beispielsweise durch eine Ausweitung der öffentlichen Ausgaben für alle arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen anteilmäßig sinken. In Finnland wurden z.B. die öffentlichen Ausgaben für die Existenzgründungsförderung von 1992 zu 1994 fast verdoppelt (BIB Finnland), in Schweden von 1992/1993 zu 1993/1994 sogar verdreifacht (BIB Schweden). Auch hinsichtlich der TeilnehmerInnen läßt sich die Bedeutung dieser Programme nur bedingt ablesen. So hat sich in Griechenland (BIB Griechenland) die Zahl der ProgrammteilnehmerInnen von 1992 zu 1994 fast verdoppelt, in der Bundesrepublik Deutschland von 1994 zu 1995 sogar mehr als verdoppelt (Bundesanstalt für Arbeit 1996). Zudem ist Tabelle 2 nur auf arbeitsmarktpolitische Fördermittel für Arbeitslose beschränkt. Weitere Finanzierungsquellen, die auch anderen Existenzgründern zur Verfügung stehen, werden nicht erfaßt.8

    Vor allem Schweden hat sein Existenzgründungsprogramm von 1992 bis 1995 ausgeweitet; es weist von den hier dargestellten EU-Ländern für 1995 die höchsten Zugangsraten zu diesem Programm auf.9 Aber auch in Frankreich, Finnland und der Bundesrepublik Deutschland10 sind in diesem Zeitraum zunehmend mehr öffentliche Mittel zur Förderung einer selbständigen Tätigkeit von Arbeitslosen verwendet worden; entsprechend haben auch mehr Personen an diesen Programmen teilgenommen. Dagegen sind in Griechenland, Dänemark und besonders deutlich in Spanien die Programme bis 1995 eingeschränkt worden. Interessant dabei ist, daß in diesen Ländern der Existenzgründungsförderung im Rahmen der arbeitsmarktpolitischen Gesamtausgaben noch 1992 - im Vergleich zu den anderen Ländern - die größte Bedeutung zugekommen ist.

    Die Wirkungen der Existenzgründungsförderprogramme auf das Übergangsgeschehen in und aus Selbständigkeit werden auch von verschiedenen Programmbedingungen beeinflußt, so unter anderem von

    1. der Art der finanziellen Förderung: In den meisten EU-Mitgliedsländern erhalten Arbeitslose, wenn sie sich selbständig machen, anstelle der Arbeitslosenunterstützung einen regelmäßigen Zuschuß. In Frankreich und Griechenland hingegen erfolgt die Förderung in Form einer einmaligen Pauschalsumme (vgl. entsprechende BIB). In Italien (vgl. inforMISEP "Maßnahmen" Nr. 55/1996) kann eine vorzeitige Auszahlung der Arbeitslosenunterstützung beantragt werden (bis 1992 war dies auch in Spanien möglich; vgl. BIB Spanien);

    2. den TeilnehmerInnen: Während in den meisten EU-Mitgliedsländern die arbeitsmarktpolitischen Existenzgründungsprogramme Arbeitslosen vorbehalten sind, können in den Niederlanden auch von Arbeitslosigkeit bedrohte ArbeitnehmerInnen daran teilnehmen. In einigen EU-Ländern werden arbeitsmarktpolitische Zielgruppen bevorzugt gefördert, so z.B. in Griechenland (Frauen, Langzeitarbeitslose, Behinderte), in Portugal (Jugendliche, Arbeitslose ab 45 Jahren, Langzeitarbeitslose; vgl. inforMISEP "Maßnahmen" Nr. 43/1993), in Italien (Frauen und Jugendliche) und in Belgien (Jugendliche) (vgl. BIB Belgien).

    10.1.16. Tabelle 2: Existenzgründungshilfen für Arbeitslose

    Öffentliche Ausgaben in % Öffentliche Ausgaben in % Zustrom an TeilnehmerInnen
    des BIP der Gesamtausgaben für in % der Erwerbs-
    arbeitsmarktpolitische bevölkerung
    Maßnahmen
    1992 1995 1992 1995 1992 1995
    D - 0,03 - 0,57 0,1 0,2
    DK 0,11 0,09 1,65 1,33 0,2 0,1
    E 0,14 0,02 3,84 0,61 0,3 0,1
    FIN 0,03 0,04 0,52 1,55 0,2 0,3
    F 0,02 0,04 0,07 1,29 0,2 0,3
    GR 0,03 0,01 3,75 1,32 0,2 0,1
    IRL 0,02 0,02 0,48 0,44 0,1 0,1
    P 0,02 0,03 1,22 1,72 0,2 0,2
    S 0,04 0,07 0,69 0,2 0,4
    UK 0,01 0,01 0,45 0,56 0,1 -
    Anmerkungen: Für Belgien, Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Italien = keine Daten vorhanden; Irland 1992 = 1991; Schweden und Vereinigtes Königreich 1992 = 1992-1993, 1995 = 1995-1996.

    Quellen: OECD: Employment Outlook, 1995, 1996.

    10.1.17. Selbständigkeit als Alternative zur Arbeitslosigkeit

    Selbständigkeit kann unter gewissen Voraussetzungen eine Alternative zur Arbeitslosigkeit darstellen. Der zunehmende Anteil der Personen, die aus Arbeitslosigkeit in Selbständigkeit wechseln, scheint dies in den meisten EU-Mitgliedstaaten zu bestätigen. Zudem kann Selbständigkeit eine Brücke in abhängige Beschäftigung sein. In den letzten Jahren ist jedoch der Anteil derjenigen, die nach Aufgabe der Selbständigkeit eine abhängige Erwerbstätigkeit aufnahmen, in vielen EU-Ländern gesunken.

    Daher darf eine arbeitsmarktpolitische Existenzgründungsförderung die möglichen negativen Konsequenzen nicht außer acht lassen, die eine Phase der Selbständigkeit für Betroffene haben kann, sofern sie ihre selbständige Tätigkeit aufgeben müssen (Verschuldung, Verlust des Anspruchs auf Arbeitslosenunterstützung11 etc.). Aus diesen Gründen scheint eine arbeitsmarktpolitische Begleitung durch Existenzgründungsförderung sinnvoll, die die individuellen Risiken einer Existenzgründung institutionell abfedert. Dies könnte auch die gesamtgesellschaftlichen Kosten minimieren. Eine Möglichkeit für Länder, in denen die Anspruchsberechtigung auf Arbeitslosenunterstützung auf dem Versicherungsprinzip basiert, besteht z.B. darin, erstmaligen Existenzgründern die (befristete) Möglichkeit einer freiwilligen Mitgliedschaft in der Arbeitslosenversicherung zu ermöglichen (Semlinger 1995).

    Zudem wären weitere Untersuchungen wünschenswert, die mögliche Effekte der Existenzgründungsförderung auf die "Beschäftigungsfähigkeit" insbesondere zuvor arbeitsloser TeilnehmerInnen analysieren. Darüber können aber nur hinreichend langen Längsschnitterhebungen Aufschluß geben. Die Bedeutung der Selbständigkeit als Übergangsarbeitsmarkt mit steigender Relevanz konnte auch anhand der Querschnittsdaten der Europäischen Arbeitskräftestichprobe aufgezeigt werden. Wichtig ist jedoch die Berücksichtigung der Ströme in und auch aus Selbständigkeit. Kurzsichtiges Verstärken allein der Übergänge in Selbständigkeit kann, bei fehlender Nachhaltigkeit, zusätzliche Probleme schaffen, die mit einer Zeitverzögerung von zwei bis drei Jahren eintreten. Im Rahmen der aktuellen Diskussionen um die "Beschäftigungsfähigkeit" von Arbeitslosen sollten Programme für zuvor arbeitslose Existenzgründer zusätzliche Bedeutung erlangen, insbesondere wenn die nachgelagerte Brücke von Selbständigkeit in abhängige Beschäftigung ebenfalls hinreichend tragfähig gestaltet wird.

    10.1.18. Ausgewählte Literatur

    Acs, Z.J., D.B. Audretsch & D.S. Evans (1992): "The Determinants of Variations." In: Self-Employment Rates Across Countries and Over Time. Discussion Paper FS IV 92-3. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

    BIB = MISEP Basisinformationsberichte. Alle EU-Mitgliedsländer, Stand 1995. Hrsg. von I.A.S. Berlin im Auftrag der Europäischen Kommission.

    Bögenhold, D. & U. Staber (1990): "Selbständigkeit als ein Reflex auf Arbeitslosigkeit? Makrosoziologische Befunde einer international-komparativen Studie." In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Nr. 2, S. 265-279.

    Bundesanstalt für Arbeit (1996): Arbeitsmarkt 1995. Sondernummer der Amtlichen Nachrichten der Bundesanstalt für Arbeit, 14. Juni 1996. Nürnberg.

    Denys, J. & L. Denolf (1997): "Luxemburg. Aktive und passive Arbeitsmarktpolitik in Luxemburg." In: SYSDEM "Trends" Nr. 28, S. 49-51. Berlin: I.A.S., Sekretariat des Europäischen Beschäftigungsobservatoriums.

    Europäische Kommission (Hg.) (1993): Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit, Beschäftigung. Herausforderungen der Gegenwart und Wege ins 21. Jahrhundert. Weißbuch. Brüssel, Luxemburg.

    Europäische Kommission (1995): Beschäftigung in Europa 1995. Brüssel, Luxemburg.

    Eurostat (1995): Erhebung über Arbeitskräfte. Luxemburg.

    Eurostat (1988): Erhebung über Arbeitskräfte. Methodik und Definitionen. Luxemburg.

    Hanke, T. (1996): "Arme Unternehmer. Mehr als eine halbe Million Menschen sind Scheinselbständige - zum Vorteil des Arbeitgebers, zum Nachteil von Sozialkassen und Steuerzahlern." In: Die Zeit vom 8.8.1996.

    Meager, N. (1992): "Does Unemployment Lead to Self-Employment?" In: Small Business Economics, Nr. 4, S. 87-103.

    Meager, N. (1993): Self-Employment and Labour Market Policy in the European Community. Discussion Paper FS I 93-201. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

    Meager, N. (1996): "From Unemployment to Self-Employment: Labour Market Policies for Business Start-up." In: G. Schmid, J. O'Reilly & K. Schömann (Hg.): International Handbook of Labour Market Policy and Evaluation. Cheltenham, S. 489-519.

    MISEP Basisinformationsberichte. Alle Mitgliedsländer, Stand 1995. Hrsg. von I.A.S. Berlin im Auftrag der Europäischen Kommission.

    OECD (1992): Employment Outlook 1992. Chapter 5: Labour Market Participation and Retirement of Older Workers. Paris, S. 195-237.

    OECD (1997): OECD Economic Surveys: Finland 1996. Paris.

    Schmid, G. (1993): Übergänge in die Vollbeschäftigung. Formen und Finanzierung einer zukunftsgerechten Arbeitsmarktpolitik. Discussion Paper FS I 93-208. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

    Schömann, K. & T. Kruppe (1996): "Die Beschäftigungsdynamik in der Europäischen Union." In: inforMISEP "Maßnahmen", Nr. 55, S. 37-47.

    Schömann, K., T. Kruppe & H. Oschmiansky (1998): Beschäftigungsdynamik und Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union. Discussion Paper FS I 98-203. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

    Semlinger, K. (1995): Arbeitsmarktpolitik für Existenzgründer. Plädoyer für eine arbeitsmarktpolitische Unterstützung des Existenzgründungsgeschehens. Discussion Paper FS I 95-204. Berlin: Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

    Vuorinen, P. (1995): "Finnland: Durch aktive Arbeitsmarktpolitik von der Jahrhundertkrise zu langsamer Erholung." In: inforMISEP "Maßnahmen", Nr. 51, S. 29-42.

    Wießner, F. (1998): "Positive Zwischenbilanz für 'Überbrückungsgeld-Empfänger'." In: IAB-Kurzbericht, Nr. 1 vom 19.1.1998. Nürnberg.

    Wiethölter, D. & D. Bogai (1997): "Kleinere und mittlere Unternehmen, Existenzgründungen und neue Selbständige: Beschäftigungspolitische Hoffnungsträger?" In: arbeit und beruf, Nr. 7, S.225-230.


    Zurück  |  Seitenanfang  |   Was gibt’s Neues?  |  Über das EEO  |  Europäische Beschäftigungsstrategie  |  Nationale ArbeitsmarktpolitikenPublikationen  |  Weitere Links  |  Suche  |  Kontakt  |  Home page


    EU – Europäische Kommission DG EMPL/A/2 J II 27,
    Rue de la Loi 200, B-1049 Brussels – Belgien
    GHK Consulting Ltd

    30 St. Paul's Square, Birmingham. B3 1QZ
    E-mail:
    eeo@ghkint.com